Mittwoch, 15. Januar 2025
Nikolai Karpizki. Russland bereitet sich auf einen Krieg mit der NATO vor. Dies sind die Trümpfe des Kreml und des Westens
Nikolai Karpizki. Warum Russland die Sterbewilligen nicht ausgehen
URL: https://www.dekoder.org/de/article/russland-krieg-freiwillige-kultur/
Während die ganze Welt aufmerksam den Personalmangel der ukrainischen Armee und die Schwierigkeiten der Mobilisierung in der Ukraine verfolgt, scheint Russland immer weiter Nachschub für seine Frontstellungen und Angriffe auf die Ukraine rekrutieren zu können.
Erklären kann man sich das einerseits durch das repressive Kreml-Regime, das keine Widerworte duldet, andererseits mit verlockend großen Geldsummen für die Kämpfenden und ihre Angehörigen. Der Postpravda-Autor Nikolai Karpizki sucht indes nach einer Erklärung in dem zugrundeliegenden Weltbild und der vorherrschenden Haltung zu Leben und Tod, speziell in entlegeneren und weniger privilegierten Regionen Russlands.
Karpizki ist Doktor der Philosophie und Religionswissenschaftler aus Tomsk (Sibirien), lehrte in Kyjiw und Charkiw, war seit 1995 Mitglied der Antikriegsbewegung. 2015 emigrierte er in die Ukraine, aktuell lebt und arbeitet er im ukrainischen Slowjansk (Oblast Donezk), das andauernd Ziel russischer Angriffe ist. Seine Forschungsschwerpunkte und Lebenserfahrungen schlagen sich in dem Meinungsstück zum Thema Krieg als Selbstzweck nieder.
Original 5. Dezember 2024 von Nikolai Karpizki auf PostPravda.info. 05.12.2024
Übersetzung von Michal Talma-Sutt (PostPravda)
Im Jahr 2022 überwog noch die Erwartung, dass sich die russische Armee zurückziehen würde, wenn sie schweren Schaden erlitte. Das ist nicht passiert.
2024 erwartete man dann, dass den Russen wegen riesiger Verluste die kampffähigen Soldaten ausgehen würden. Auch das hat sich nicht erfüllt.
Nun heißt es: Russland bräuchte nach Beendigung der aktuellen Kampfhandlungen mehrere Jahre, um seine Armee für einen neuen Krieg zu erneuern. Auch das wird nicht der Fall sein. Russland wird bereit sein, Polen oder das Baltikum zu überfallen, sobald seine Streitkräfte in der Ukraine frei werden. Und die NATO hat dem bislang nichts entgegenzusetzen.
Das wirft Fragen auf:
Wie kann die russische Führung ohne Rücksicht auf Verluste ihre Soldaten verheizen?
Wo findet die russische Armee immer neue Vertragssoldaten, obwohl sie bekanntermaßen oft in selbstmörderische Angriffe geschickt werden?
Warum machen Russlands Soldaten keinen Aufstand oder ergeben sich in [ukrainische] Kriegsgefangenschaft?
Wieso steht die russische Gesellschaft den enormen militärischen Verlusten scheinbar so gleichgültig gegenüber und unterstützt weiterhin den Krieg?
Akzeptanz des sinnlosen Todes
Wir haben es hier mit einem einzigartigen historischen Phänomen zu tun: Die russische Gesellschaft unterstützt den Krieg gegen das Nachbarland auf Kosten rücksichtsloser Vernichtung ihrer eigenen Soldaten. Selbst Kranke und Verwundete werden in selbstmörderische Angriffe geschickt. Das ist nur möglich, weil es eine gesellschaftliche Akzeptanz für sinnlosen Tod gibt. So etwas gibt es sonst nirgendwo. Es kommt vor, dass eine Gesellschaft für einen Sieg zu riesigen Opfern bereit ist – doch das setzte die Vorstellung voraus, dass solch ein Tod nicht sinnlos ist.
Natürlich kann man das nicht verallgemeinern und alle Russen über einen Kamm scheren. Es gibt in Russland auch Menschen, die gegen den Krieg und für die Ukraine sind. Sie sind jedoch verstreut und bilden keine entscheidende gesellschaftliche Gruppe. Stattdessen bringt ein gesellschaftliches Einverständnis zum sinnlosen Sterben ein Kräfteverhältnis in der Gesellschaft hervor, das eine breite Unterstützung des Kriegs als Selbstzweck möglich macht: Krieg um des Krieges willen.
Für diese Akzeptanz gibt es meines Erachtens zwei Ursachen.
Der „Todesstaat“ – das soziale Antisystem in Russland
Die erste Ursache ist sozial-historischer Natur: Eine sehr treffende Erklärung finden wir bei dem russischen Historiker Dmitri „Sawromat“ Tschernyschewski, der mittlerweile im Exil lebt und in seinem YouTube-Kanal Total War & istorija seine Sicht auf Russland als Militärmacht beziehungsweise als „Imperium des Volksleidens“ darstellt. Um sich als Imperium zu bezeichnen, müsse ein Staat anderen gegenüber überlegen sein, meint Tschernyschewski. Schon das Moskauer Zarenreich sei vor allem in der rücksichtslosen Ausbeutung menschlicher Ressourcen überlegen gewesen. Die Haltung gegenüber der eigenen Bevölkerung als Verbrauchsmaterial zog sich durch die gesamte Geschichte Russlands. So konnten Kiegssiege durch Masse errungen werden, ohne dass man Rücksicht auf Verluste nehmen musste. Armut und Rechtlosigkeit sind notwendig, damit ein solches Staatssystem funktioniert.
Im heutigen Russland beobachten wir eine Wiedergeburt dieses brutalen Staatssystems, ja sogar die Mutation zu etwas Schlimmerem: einem „Todesstaat“ – oder „Antisystem“, wie Tschernyschewski den Begriff von Lew Gumiljow übernimmt. Dieses Antisystem fresse sich in Russland selbst hinein und führe letztlich zum Tod. Dies zeige sich unter anderem in der Ökonomie des Todes, wo Einnahmen aus Öl und Gas den pekunären Wohlstand für Familienangehörige der gefallenen Soldaten sichern. Dies schaffe eine starke soziale Basis zur Unterstützung des Regimes und seines Repressionsapparates – den so genannten Silowiki – und des Krieges.
Diese Unterstützergruppe ist rund zehnmal größer als die derjenigen, die aktiv gegen die Ukraine kämpfen. Auch die arme Bevölkerung in strukturschwachen Gebieten gehört dazu. Dort fließt durch den Krieg zum ersten Mal Geld. Für sie würde ein Kriegsende ein Ende des Geldflusses bedeuten und außerdem die Rückkehr vieler potenzieller Straftäter von der Front. Gerade diese Schicht garantiert den stetigen Zustrom von freiwilligen Kämpfern, die nicht nur wegen des Geldes einen Vertrag mit der Armee unterschreiben, sondern auch, weil sie darin die einzige Chance sehen, dem sozialen Abgrund zu entkommen. Und so sind keine Proteste in Russland möglich.
Laut dem bloggenden Historiker Tschernyschewski galten Soldaten in der Geschichte der russischen Armee stets als ersetzbares Verbrauchsmaterial. Im Antisystem des heutigen Russland kommt jedoch noch etwas hinzu: Die Entsendung von Soldaten in den Tod ist profitabel geworden. Denn Vertragssoldaten kommen mit Geld zum Militär. Man kann sie bestechen und gegen eine gewisse Summe im ungefährlicheren Hinterland einsetzen oder sie stattdessen in den Tod schicken, doch diesen Tod erst später melden und so womöglich selbst Geld kassieren.
Je häufiger die Truppen erneuert werden, desto mehr Möglichkeiten gibt es, an ihnen zu verdienen. So entsteht ein System, in dem die Armee zunächst ihre eigenen Soldaten und erst danach die Soldaten des Feindes eliminiert. Außerdem gibt es in der russischen Bevölkerung kaum Mitleid mit den Freiwilligen, das macht die Gesellschaft unempfindlich gegenüber militärischen Verlusten. Und für den Staat bedeutet der Tod von Soldaten an der Front niedrigere soziale Kosten. Denn Tote brauchen keine medizinische Versorgung und keine soziale Unterstützung.
Im Antisystem tauschen Gut und Böse die Plätze
Die zweite Ursache, warum der Krieg als Selbstzweck funktioniert, ist eine besondere Haltung zum Leben und dem Tod. Diese ist existenziell und gründet auf einem Weltbild, in dem alles, was geschieht, durch die Anwesenheit eines Feindes erklärt wird, der das Ur-Böse verkörpere. Für den Kampf gegen diesen Feind werden alle moralischen Beschränkungen aufgehoben. Jede gute Tat zu seinen Gunsten wird als schlecht betrachtet, und jede schlechte Handlung gegen den Feind als gut. So verkehren sich Wertevorstellungen in ihr Gegenteil – Amoralität wird zur Tugend, Gräuel werden zu Heldentaten.
Das daraus resultierende Weltbild hatte sich schon früher in zwei Varianten manifestiert, die in zwei unterschiedlichen emotionalen Zuständen ihren Ausdruck fanden: im Manichäismus und im Gnostizismus. Der Manichäismus ging von der Vorstellung aus, dass unsere helle Welt sich mit der Welt des Ur-Bösen vermischt hat und wir daher zum Kampf verdammt sind. Der Gnostizismus dagegen basierte auf der Vorstellung, dass unsere Welt durch einen Fehler oder den Willen eines bösen Gottes (der Demiurg) geschaffen wurde. Letztlich ist dann alles bedeutungslos, es gibt keinen Unterschied zwischen guten und bösen Taten und so ist es letztlich sinnlos, gegen das Böse zu kämpfen.
Auf Grundlage dieser beiden Weltanschauungen entstanden verschiedene Lehrmeinungen und religiöse Überzeugungen, die jedoch vor allem zu destruktiven Stimmungen führten innerhalb bereits bestehender Religionen – des Christentums und des Islam.
Im historischen Russland führte die rücksichtslose Haltung der Machthaber gegenüber der eigenen Bevölkerung zum Entstehen einer manichäischen Stimmung in der Orthodoxie. Ein Symptom dieser Stimmung war die Kirchenspaltung im 17. Jahrhundert aufgrund ritueller Diskrepanzen, die aus Sicht der griechischen Orthodoxie keiner Erwähnung wert waren. Doch in Russland führte die Heftigkeit des Schismas sogar zu kollektiven Selbstverbrennungen. Natürlich ging es dabei nicht nur um rituelle Diskrepanzen, sondern um die Wahrnehmung der Welt ringsum als fremd und feindselig.
Als dann die Bolschewiki ihren Kampf gegen die Religion entfachten, integrierten sie in ihre Doktrin des Klassenkampfes eine manichäische Grundhaltung. Sie sahen ihre Mission darin, die Welt von Ausbeutung, also vom Bösen, zu befreien und eine gerechte Gesellschaft zu errichten – das Reich des Guten. Moralische Pflichten galten nur gegenüber den der Arbeiterklasse Nahestehenden. Anderen gegenüber, den Feinden, war alles erlaubt – womit selbst die Stalinschen Massenrepressionen gerechtfertigt wurden.
Allerdings hat die kommunistische Ideologie zwei Seiten. Zum einen den rücksichtslosen Klassenkampf gegen Feinde und zum anderen die Utopie einer gerechten Gesellschaft, einer strahlenden Zukunft, der Eroberung des Weltraums, des Fortschritts. Doch mit der Ära des Ölwohlstands verlor der Klassenkampf an Bedeutung. Die Gesellschaft hatte sich in einen utopischen Traum eingelullt, als lebe sie im freiesten und menschenfreundlichsten Land der Welt – bis sie durch den Preissturz auf dem Ölmarkt unsanft aufgeweckt wurde.
Auch in Russland denken und fühlen die Menschen natürlich unterschiedlich. An dieser Stelle geht es jedoch um die aktuell vorherrschende Stimmung. Diese bestimmt die Ereignisse des gesellschaftlichen Lebens und sie entspricht einem gnostischen, nicht einem manichäischen Weltbild: Da alles bedeutungslos scheint, spielt es keine Rolle, ob wir Gutes oder Böses tun. Was bleibt, ist, diese Sinnlosigkeit des Lebens anzuerkennen und zu tun, was man will, und letztlich auch sinnlos zu sterben. Anders als in der Sowjetunion, wo die soziale Nekrophilie auf dem manichäischen Weltbild beruhte, ist sie heute in Russland durch das Gnostische ersetzt.
Der gnostische Fatalismus russischer Frontsoldaten
Aber wenn alles bedeutungslos ist, warum treten dann Menschen in die Armee ein, um gegen die Ukraine zu kämpfen? Stellen wir uns einen gewöhnlichen Menschen aus einer deprimierenden Gegend vor. Keine oder nur mies bezahlte Arbeit, zu Hause ständig Streit und Sorgen, und für die Gesellschaft ein Niemand, eine Leerstelle. Ein Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit. Am schwierigsten ist es, wenn man alle Kräfte aufbringen muss, um zu überleben, wenn doch alles sinnlos erscheint. Dann ist es einfacher, sich mit Alkohol oder Drogen zu betäuben. Ein solcher Zustand erstickt den Selbsterhaltungstrieb, der Tod wird nicht mehr als Übel wahrgenommen, denn der Unterschied zwischen Gute und Böse existiert nicht mehr. Je einfacher die Welt ist, desto weniger muss man sich anstrengen. So machen Krieg und Tod die Welt einfacher. Das ist die nekrophile Stimmung, die auf einem gnostischen Weltbild basiert.
Und einem solchen Menschen wird vorgeschlagen, in den Krieg in der Ukraine zu ziehen. Er akzeptiert ohne Widerrede die russische Propaganda als Wahrheit, obwohl ihm in Wirklichkeit egal ist, wer schuld ist am Krieg. Ihm geht es um etwas anderes – um die eigene Bedeutung und Straflosigkeit. Ihm wird versprochen, dass ihn alle, wenn er überlebt, als Veteran ehren würden. Einfacher ausgedrückt: Er kann alles tun, was er will. Und alle würden es wertschätzen. Aber um das zu erreichen, muss man bereit sein, zu töten und zu sterben. In der gnostischen Stimmung mit unterdrücktem Selbsterhaltungstrieb, wo es keinen Unterschied zwischen Gut und Böse gibt, ist es nun leicht, einen solchen Vorschlag anzunehmen. In Russland gibt es Millionen solcher Menschen. Daher wird der Zustrom von Freiwilligen in die russische Armee nicht enden.
Auch in der Sowjetunion gab es soziale Nekrophilie, allerdings anderer Art. Damals gingen die Menschen in den Krieg, um für eine Idee [den Sieg über den Faschismus – dek] zu töten und zu sterben. Im heutigen Russland – für die Möglichkeit zu tun, was immer man will. Wenn alles bedeutungslos ist, gibt es schließlich keine moralischen Zwänge mehr, nicht nur gegenüber Fremden, sondern auch den eigenen Leuten.
Diese gnostische Art der sozialen Nekrophilie ist verknüpft mit einem gnostischen Fatalismus. Ein ukrainischer Offizier, den ich kenne, nannte es „russischen Fatalismus“. Er war zutiefst erschüttert von einem Kriegsvideo, das zwei russische Soldaten zeigte, die sich hinsetzten, um eine Zigarette zu rauchen. In diesem Moment wurde einem von ihnen der Kopf von einem Splitter abgerissen. Der andere zuckte nicht einmal und rauchte ruhig seine Zigarette weiter.
Es gibt verschiedene Arten von Fatalismus. Einmal den stoischen Fatalismus, wenn ein Mensch sein Schicksal akzeptiert, aber weiterhin ehrlich gemäß seiner vernünftigen Natur handelt und sich seiner Zugehörigkeit zum Weltgeist oder einem Gott bewusst ist. Nun haben wir es aber mit jenem gnostischen Fatalismus zu tun, bei dem der Mensch keinen Sinn im Leben sieht und sich mit seinem eigenen und dem Tod anderer abfindet. Und so zieht er in ein fremdes Land, um zu töten. Genau dieser Fatalismus führt dazu, dass russische Soldaten in sinnlosen Angriffen in den Tod gehen, anstatt sich gegen ihre Kommandeure aufzulehnen, die von ihrem Tod profitieren.
Wie ist die russische Armee aufzuhalten?
Die Geschichte wiederholt sich. Wenn Russland in Kriegen gewann, dann durch zahlenmäßige Überlegenheit, und wenn es verlor, dann aufgrund technologischer Rückständigkeit. Weder die Ukraine noch Europa haben und wollen so einen Mobilisierungsmechanismus wie Russland, um Menschen aus ärmeren Gebieten zu rekrutieren. Deswegen wird Russlands Armee zahlenmäßig überlegen bleiben. Natürlich ist die NATO technologisch wie taktisch fortschrittlicher und könnte im Falle eines Krieges enormen Schaden auf der russischen Seite verursachen. Was aber passiert, wenn diese besseren Waffen der NATO aufgebraucht sind und die russische Armee weiter mit neuen Freiwilligen kämpfen kann?
Es liegt auf der Hand, dass auf Grundlage der besonderen Art der russischen Kriegsführung neue militärische Strategien entwickelt werden müssen. Ich setze große Hoffnungen in die Entwicklung von Drohnen, Robotern und künstlicher Intelligenz – sodass die Soldaten an der Front zunehmend technisch ersetzt werden können. In diesem Fall könnte Russland seinen einzigen Vorteil gegenüber zivilisierten Ländern verlieren.
Und bis dahin muss der Ukraine dabei geholfen werden, diese gefährlichste Zeit zu überstehen und Europa vor einer russischen Invasion zu schützen.
Freitag, 6. Dezember 2024
Anna Chagina: „Ich hatte Angst, „Solnechny Krug“ zu singen
Samstag, 25. Juni 2022
Philosoph Nikolai Karpizki: „Wir brauchen eine Idee der Entimperialisierung“

24. Februar 2022. Ukraine. Der erste Tag des Krieges. Mein erster Beitrag seit Kriegsbeginn. Hier auf Facebook schrieb ich am 9. Februar, dass Russland über genügend Streitkräfte verfüge, um der Ukraine einen vernichtenden Erstschlag zu versetzen und einen erheblichen Teil der Wirtschaft und des militärischen Potenzials zu zerstören, die Ukraine jedoch über genügend Streitkräfte verfüge, um mit der Invasion fertig zu werden. Also, ich glaube jetzt, dass auch der erste vernichtende Schlag nichts bringen wird…“— Am 24. Februar war ich in Kiew. Ich wache morgens auf, schaue aus dem Fenster: Eine Sirene heult. Ich stieg in den Zug und kam in Slawjansk an. Ich begann, eine Chronik darüber zu führen, was Tag für Tag geschah. Die erste Reaktion war: Können wir dem Blitzkrieg standhalten oder nicht? Denn der Feind plant immer einen Blitzkrieg, keinen langwierigen Krieg. Wenn wir durchhalten, können wir über die Chancen der Ukraine sprechen. Nach drei Kriegstagen wurde klar, dass der Blitzkrieg gescheitert war und die zweite Phase des schrecklichen, blutigen Krieges begann. Was unweigerlich zur Vernichtung der Zivilbevölkerung führen wird.
27. Februar 2022. Ukraine. Der vierte Kriegstag. Tauwetter im Frühling. Die enormen Verluste an russischer Ausrüstung erklären sich auch damit, dass es nun unmöglich ist, über die Felder vorzurücken – die Hitze ist ungewöhnlich hoch, die Ausrüstung versinkt einfach im Schlamm. Man muss auf Autobahnen fahren und gerät in Hinterhalte. Die ukrainische Armee hat den ersten Schlag überstanden, und nun geht die Initiative langsam auf sie über...— Als die Offensive begann, begann sich ein Bild der Welt abzuzeichnen. In den ersten drei Tagen wollten die Russen die Regierung chirurgisch stürzen. Zu gezielten Bombardierungen von Wohngebieten kam es bislang nicht... Doch als die Flüchtlinge aus Sewerodonezk, Rubeschnoje, Isjum und Lisitschansk evakuiert werden mussten, stellte sich heraus, dass gezielt auf die Busse mit den Flüchtlingen geschossen wurde. Dann wurde die Natur des Krieges klar. Kriege können zivilisiert oder Vernichtungskriege sein. Es ist klar, dass der Krieg in Tschetschenien und der Krieg in Syrien unzivilisiert waren. Dort wurden Städte zerstört. Es bestand jedoch die Hoffnung, dass diese Invasion rein politischer Natur war. Dass sie Städte und Militäreinheiten blockieren, es aber keine gezielte Vernichtung der Bevölkerung geben wird. Diese Hoffnung hatte ich drei Tage lang... Jetzt haben die Leute im Allgemeinen verstanden, mit wem sie es zu tun haben. Sie erkannten, dass dies ein Vernichtungskrieg war. Selbst diejenigen, die die Separatisten früher unterstützten, beobachten mit Entsetzen, was passiert.
1. März 2022. Ukraine. Sechster Kriegstag. Man kann sich die Situation so vorstellen, als hätte ein riesiger Schläger einen Teenager angegriffen, der, obwohl schwer verletzt, überlebte. Bugai erkannte, dass er mit einem stürmischen Angriff nicht gewinnen konnte, und sammelte nun, nachdem er die Lage eingeschätzt hatte, seine Kräfte für einen erneuten Angriff. Doch dann stellte sich heraus, dass dieser große Kerl in Wirklichkeit ein Berserker ist, der keinen Schmerz empfindet und nicht denken kann. Wäre es ein gewöhnlicher Diktator, wenn auch ein Sadist und Schurke, aber pragmatisch, dann wäre es nach erheblichen Verlusten für die Invasionsarmee möglich, mit ihm Frieden zu verhandeln. Doch wir haben es mit Putin zu tun, der von einem ganzheitlichen Weltbild ausgeht, in dem alles auf den Kopf gestellt ist – Böses wird als gut und Gutes als böse wahrgenommen. Diese Weltanschauung, deren wissenschaftliche Bezeichnung ich nicht kenne, wird im Christentum Satanismus genannt…
— Ich bin in Slawjansk geblieben, um die Situation von innen zu beschreiben. Ich versuche, nicht so viel über Ereignisse zu schreiben, weil jeder über Ereignisse schreibt. Ich versuche, ihren Kontext zu erklären. Und schreiben Sie über die Erfahrungen der Menschen. Wie man das erlebt, wie man damit umgeht. Wenn man in Ereignisse verwickelt ist, entwickelt man ein besonderes historisches Gespür, das einem ermöglicht, zu spüren, was real und was unmöglich ist … Ich beschloss, in Slawjansk zu bleiben, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich die Ereignisse abspielen. Genau jetzt, mitten in unserem Gespräch, knallt es.
14. März 2022. Ukraine. Der neunzehnte Kriegstag. Mehr als hundert Menschen waren beim Gottesdienst, viermal weniger als sonst. Der Prediger verglich die Ukraine, die um ihre Unabhängigkeit kämpft, mit dem Exodus der Juden, die vom Pharao verfolgt wurden. Der Glaube an Gott stärkt den Glauben an den Sieg der Ukraine ungemein. Dann brachten sie Flüchtlinge aus Sewerodonezk – viele Studenten, Kinder, alte Menschen. Die älteste Frau ist 82 Jahre alt. Sie versorgten uns mit Essen, brachten uns unter und brachten uns am nächsten Morgen zu den Evakuierungszügen. So kamen jeden Tag hundert Menschen. <…> Heute endeten die Feiertage, und ich hielt einen Vortrag über „Die Philosophie der menschlichen Kommunikation“. Zu Beginn der Vorlesungen wurden Informationen darüber ausgetauscht, wer sich wo und unter welchen Bedingungen aufhielt. Eine Studentin aus Lisitschansk hörte die Vorlesung aus einem Luftschutzbunker, sodass die Kommunikation mit ihr unterbrochen wurde. Ich widmete meine Vorlesung dem Thema Lügen, einschließlich derjenigen, die zum Krieg führten. Während ich mit den Studenten arbeitete, kam die Nachricht, dass auf einen der Busse der Kirche, in der ich gestern war, auf dem Weg von Isjum geschossen wurde…“.
— Ich lebe unter Ukrainern und habe eine emotionale Verbindung zu ihnen. Ich gehe durch die Straßen und zu Versammlungen. Hier gibt es eine evangelische Kirche, die sich an der Evakuierung von Flüchtlingen beteiligt. Ich treffe mich mit ihnen und schaue mir ihre Stimmungen an. Natürlich war der Beginn des Krieges in Kiew ein Schock; Die Menschen konnten die Realität nicht verstehen und sich nicht mit ihr abfinden. Es hat einige Zeit gedauert. Und manche Reaktionen waren naiv und seltsam. Wir könnten tagelang in der U-Bahn sitzen. Aber es ist klar, dass man, wenn der Krieg noch lange dauert, nicht die ganze Zeit in der U-Bahn sitzen wird. Sie müssen sich daran gewöhnen und ein normales Leben führen. Trotz der Bombenangriffe und Raketen. Als ich in Slawjansk ankam, stellte ich fest, dass die Menschen hier bereits daran gewöhnt waren. Sie hatten den Krieg bereits erlebt und blieben ruhig. Pragmatisch.
24. März 2022. Ukraine. Der neunundzwanzigste Tag des Krieges. Mit Kriegsbeginn brach die Welt zusammen. Das Unvermeidliche geschah. Es war, als ob ein Asteroid die Erde traf und über Nacht die gesamte vertraute Welt verschwand, zusammen mit der alltäglichen Kommunikation, der Arbeit, den Problemen und den kleinen Freuden. Nur Leere. Nach einiger Zeit ein neuer Schock. Es stellte sich heraus, dass es nicht nur Leere war, sondern Zerstörung, Leid und Tod. Schließlich kämpfen die Besatzer nicht nur mit der Armee...— Was Medikamente betrifft, können Sie einfache Medikamente kaufen, aber sie sind nicht in jeder Apotheke erhältlich. Es fehlt immer etwas. Das Produktangebot in den Geschäften hat sich verdreifacht. Aber alles was man braucht ist da. Die Zahl der Menschen auf dem Markt hat sich um das Fünf- bis Zehnfache verringert, aber es sind immer noch Menschen da und handeln. Darüber hinaus sind verschiedene humanitäre Missionen im Einsatz. Sie bringen Hilfe. Das Problem liegt bei den öffentlichen Versorgungsunternehmen. Da sich die Wasserentnahmestelle im Dorf Majak befindet, das am nördlichen Donez liegt, wo die Russen vorrücken, ist eine Reparatur nicht möglich. Die Stadt ist seit der zweiten Woche ohne Wasser. Manche Leute haben Brunnen und irgendwo wird Wasser geliefert. Allerdings besteht derzeit keine Möglichkeit, das Wasser frei zu nutzen. Was die Elektrizität betrifft, sind Hochspannungsleitungen defekt und müssen repariert werden. Manchmal ist man ein oder zwei Tage ohne Strom. Das Schwierigste ist das Unbekannte, denn es gibt kein Internet, keine Verbindung und man weiß nicht, welche Gefahr droht.
29. März 2022. Ukraine. Der vierunddreißigste Tag des Krieges. Das Moskauer Königreich und später das Russische Reich führten ununterbrochen Eroberungskriege und rechtfertigten dies mit der überbewerteten Idee der Landnahme. Diese Idee wurde uns in der Schule eingetrichtert, und viele akzeptieren sie immer noch standardmäßig. Der Kern dieser Idee besteht darin, den Wert eines unabhängigen Lebens für Menschen außerhalb Russlands zu leugnen. Die Geschichte hat oft Imperien, Diktaturen und Tyranneien gesehen, die wie Russland Eroberungskriege führten. Natürlich ist das böse, aber es ist ein soziales und menschliches Übel, aber noch nicht religiös oder metaphysisch. Als 1999 der militärisch-tschekistische Putsch in Russland stattfand, veränderte sich die Ideologie der Landnahme. Wurde früher das unabhängige Leben der Nationen abgewertet, aber nicht als böse angesehen, so wird heute die gesamte umgebende Welt, die sich der Eingliederung in den russischen Einflussbereich widersetzt, als feindlich und der Zerstörung preisgegeben wahrgenommen…
- Ich versuche, die Gefahr einzuschätzen. Und ich bewerte das so: Raketenangriffe ignoriere ich einfach und Sirenen schenke ich überhaupt keine Beachtung. Ich habe einen Keller in meinem Garten, aber er ist nicht ausgestattet. Dort zu sitzen ist überhaupt keine Option. Die Wahrscheinlichkeit, von einer Rakete getroffen zu werden, ist vergleichbar mit der eines Autounfalls in einer Stadt mit viel Verkehr. Dem kann man nicht entgehen.
6. April 2022. Ukraine. Der 42. Tag des Krieges. Es kam der Moment, als mich das Kanonade zu beruhigen begann. Ich kann schon am Gehör erkennen, wann unsere Leute die Besatzer schlagen. Nach dem, was gestern gehört wurde, sind die Kämpfe auf dem Weg nach Slawjansk verzweifelt...— Der Sieg der Ukraine im Krieg hängt von westlichen Waffen ab. Die sowjetischen Waffen, die es gab, sind leider bereits verschwunden. Die ersten Siege der Ukrainer waren darauf zurückzuführen, dass es damals noch genügend Waffen gab. Jetzt ist es aufgebraucht. Aber die russischen Reserven sind nicht begrenzt... Wenn es ein Leih- und Pachtgesetz gibt, dann ist alles Notwendige hier. Die ukrainische Armee ist mobilisiert, sie ist der russischen überlegen und nicht eingekesselt. Und niemand wird Soldaten als Kanonenfutter im Stich lassen. Wenn Russland die gesamte Ukraine erobern würde, würde diese gesamte Armee den Partisanen zur Hilfe kommen. Natürlich hätte Russland verloren, aber die Ukraine hätte enorme Verluste erlitten. Wenn Waffen kämen, wäre es nicht nötig, einen solchen Preis zu zahlen.
28. Mai 2022. Ukraine. Der vierundneunzigste Tag des Krieges. Gestern gab es keinen Strom, ich schrieb, bis der Laptop-Akku leer war, heute habe ich die Arbeit beendet. Der erste Teil bezieht sich also auf gestern. Diese Woche wurde die Region Donezk endgültig vom Gas abgeschnitten. Am Morgen gaben sie uns Wasser, damit wir duschen konnten. Bei Beschuss oder Sirenenlärm fühlt man sich zunächst seltsam, aber dann wird es einem gleichgültig. Es gibt immer noch kein Licht. Ich schreibe, bis der Akku leer ist. Ich bin durch die Stadt gefahren. Es sind nur wenige Menschen dort, und die Geschäfte funktionieren ohne Strom nicht. Ich liebe es, mit dem Fahrrad aus der Stadt zu fahren. Es gibt dort wunderschöne Orte, die wir nicht den Orks überlassen können. Aber jetzt kann man nicht dorthin fahren, dort herrscht Krieg. Es knallt die ganze Zeit. Ich habe im Hof Kartoffeln über dem Feuer gekocht – das erste Mal. Ich habe noch keine Erfahrung damit, aber ich denke, ich werde mich daran gewöhnen …„Ich weiß, dass es in Russland Aufrufe zu Kundgebungen gab – das ist dasselbe wie die Proteste in der Sowjetunion gegen den Afghanistan-Krieg … Aber jeder kann an seiner Stelle verfassungswidrige Entscheidungen sabotieren.“ Und zum zweiten Punkt. Ohne eine klare Vorstellung davon, was erreicht werden soll, kann das Ziel nicht erreicht werden. Eine solche Idee wurde bisher nicht formuliert. Einen schlechten Präsidenten durch einen guten zu ersetzen, wird nichts ändern. Wir brauchen eine Idee der Entimperialisierung. Ablehnung der imperialen Regierungsform. Diese Idee muss vermittelt werden. Dies ist durchaus möglich und realistisch.

