Donnerstag, 11. Dezember 2025

Klaus Robra. Die Analysen des russischen Philosophen Nikolai Karpizki. Auszug aus dem Buch „Warum hört der seit 2022 in der Ukraine tobende Krieg nicht auf? München, GRIN Verlag, 2025“

Die Analysen des russischen Philosophen Nikolai Karpizki, die dieser in seiner Ende 2024 verfassten Studie ‚Warum Russland die Sterbewilligen nicht ausgehen‘ 13 vorgelegt hat, legen tiefer liegende Ursachen und Gründe des Krieges frei. Ursachen und Gründe bewirken neue Gründe. Der Krieg ist zugleich Ursache, Wirkung und Grund.

Die Sicht des Westens auf diesen Krieg ist, wie Karpizki erklärt, durch enttäuschte Erwartungen getrübt. Schon 2022 erwartete man, dass Russland sich wegen seiner hohen Verluste zurückziehen würde, was aber nicht geschah. „2024 erwartete man dann, dass den Russen wegen riesiger Verluste die kampffähigen Soldaten ausgehen würden. Auch das hat sich nicht erfüllt.“ (Karpizki a.a.O.)

Die solcherart enttäuschten Erwartungen veranlassen den Autor zu einer Reihe von Fragen, mit denen er u.a. Putins wahren Motiven auf die Spur kommen will. Die Fragen:

„Wie kann die russische Führung ohne Rücksicht auf Verluste ihre Soldaten verheizen?

Wo findet die russische Armee immer neue Vertragssoldaten, obwohl sie bekanntermaßen oft in selbstmörderische Angriffe geschickt werden?

Warum machen Russlands Soldaten keinen Aufstand oder ergeben sich in [ukrainische] Kriegsgefangenschaft?

Wieso steht die russische Gesellschaft den enormen militärischen Verlusten scheinbar so gleichgültig gegenüber und unterstützt weiterhin den Krieg?“

Den Hauptgrund hierfür sieht Karpizki in der Tatsache, dass es in Russland sogar Akzeptanz für sinnlosen Tod gebe. Für diese Akzeptanz nennt er zwei Ursachen: 1. Im Laufe der Geschichte sei es den Russen immer wieder gelungen, „Kriegssiege durch Masse“ zu erringen, d.h. die eigene, großenteils unter Armut und Rechtlosigkeit leidende Bevölkerung als „Verbrauchsmaterial“ zu benutzen. So z.B. schon im Zarenreich. Gesteigert im heutigen Russland, in dem man einen „Todesstaat“ bzw. ein „Antisystem“ errichtet habe. „Todesstaat“ oder „Ökonomie des Todes“: Einnahmen aus Öl und Gas sichern „den pekuniären Wohlstand für Familienangehörige der gefallenen Soldaten“ (a.a.O.). Dabei sei eine Unterstützergruppe entstanden, die angeblich 10mal größer als die Anzahl der in der Ukraine eingesetzten russischen Soldaten sei. Und davon profitierten erstmals auch die ärmeren Schichten, die im Gegenzug den ständigen Zustrom von Freiwilligen an die Front sichern, was für diese Freiwilligen oft die einzige Möglichkeit sei, sich vor dem völligen sozialen Abstieg und Ruin zu retten. Durch all dies werde in Russland jeglichem Protest gegen den Krieg die Grundlage entzogen.

Soldaten in den Tod zu schicken, wird somit für viele zum profitablen Geschäft. Man schickt Soldaten rücksichtslos in überaus gefährliche (Nahkampf-)Aktionen bzw. in den sicheren Tod, um damit Geld zu verdienen! Das bedeutet: „Je häufiger die Truppen erneuert werden, desto mehr Möglichkeiten gibt es, an ihnen zu verdienen. So entsteht ein System, in dem die Armee zunächst ihre eigenen Soldaten und erst danach die Soldaten des Feindes eliminiert. Außerdem gibt es in der russischen Bevölkerung kaum Mitleid mit den Freiwilligen, das macht die Gesellschaft unempfindlich gegenüber militärischen Verlusten. Und für den Staat bedeutet der Tod von Soldaten an der Front niedrigere soziale Kosten. Denn Tote brauchen keine medizinische Versorgung und keine soziale Unterstützung.“ (a.a.O.)

2. Eine zweite Ursache für den „Krieg als Selbstzweck“ sieht Karpizki in einer in Russland vorherrschenden, besonderen Haltung zu Leben und Tod; beruhend auf einem Weltbild, „in dem alles, was geschieht, durch die Anwesenheit eines Feindes erklärt wird, der das Ur-Böse verkörpere“. Womit man auch jedes an Feinden verübte Verbrechen rechtfertige. Nicht mehr Moral, sondern Amoralität werde zur Tugend.

Dem entsprechen in Russland seit altersher zwei unterschiedliche Weltbilder, die des Manichäismus und des Gnostizismus. Im ersten geht es um den andauernden Kampf zwischen Gut und Böse, im zweiten um das Postulat der völligen Sinnlosigkeit allen Seins, da das Ganze durch einen „bösen Gott“ entstanden und daher wertlos sei. Auch im orthodoxen Christentum führte der Manichäismus zu Diskrepanzen und Exzessen, wie z.B. in kollektiven Selbstverbrennungen.

Im Bolschewismus verbanden sich Manichäismus und Klassenkampf, was einerseits sogar zur Rechtfertigung des Stalinismus, andererseits zum utopischen Traum von absoluter kommunistischer Freiheit beitrug. Inzwischen sei der Manichäismus allgemein durch den Gnostizismus abgelöst worden; und dies, obwohl es auch im heutigen Russland selbstverständlich noch unterschiedliche Weltanschauungen und Denkweisen gibt. Aber: Durch den Gnostizismus wird alles bedeutungslos und sinnlos; und nur dies sei anzuerkennen, folglich auch das sinnlose Sterben.

Dennoch ist zu fragen, warum sich Russen weiterhin freiwillig zum Kriegseinsatz in der Ukraine melden. Grund, laut Karpizki: Wer in bitterer Armut und ständiger Frustration lebt, nichts mehr zu verlieren hat, nimmt auch den Tod nicht mehr als Übel wahr. Die Stimmung wird „nekrophil“, dem Tod freundlich gesonnen. Volle Wertschätzung gewinnt, wer bereit ist, im Krieg zu sterben. Und da es in Russland Millionen solcher Leute gebe, ende nie der Zustrom sterbewilliger Freiwilliger.

Wenn sich soziale Nekrophilie mit gnostischem Fatalismus verbindet, entsteht der sogenannte „russische Fatalismus“. Und: „Genau dieser Fatalismus führt dazu, dass russische Soldaten in sinnlosen Angriffen in den Tod gehen, anstatt sich gegen ihre Kommandeure aufzulehnen, die von ihrem Tod profitieren.“ (a.a.O. S. 8)

Eher kurz und knapp behandelt Karpizki schließlich die Frage, wie die russische Armee in der Ukraine wirksam bekämpft bzw. aufgehalten werden könne. Der Nachteil der Ukraine und des sie unterstützenden Westens: Man verfüge nicht über die nekrophilen Mobilisierungsmechanismen der Russen. Hinzu komme die Gefahr, dass eines Tages „die besseren Waffen der NATO aufgebraucht sind und die russische Armee weiter mit neuen Freiwilligen kämpfen kann“ (ebd.). Schon deswegen komme es darauf an, neue Militärstrategien gegen Russland zu entwickeln, so z.B. durch den Einsatz von „Drohnen, Robotern und künstlicher Intelligenz“ (ebd.). Dann könnten die ukrainischen Soldaten „an der Front zunehmend technisch ersetzt werden“ und „Russland seinen einzigen Vorteil gegenüber zivilisierten Ländern verlieren.“ Karpizkis Schlusssatz: „Und bis dahin muss der Ukraine dabei geholfen werden, diese gefährlichste Zeit zu überstehen und Europa vor einer russischen Invasion zu schützen.“ (ebd.)

Karpizkis Analysen lassen sich in folgenden Kernsätzen zusammenfassen:

1. Enttäuschte Erwartungen des Westens: Russland zieht sich trotz enormer Verluste nicht zurück.
2. In Russland gibt es Akzeptanz für sinnlosen Tod.
3. In Russland hat man einen „Todesstaat“ bzw. ein „Anti-System“ etabliert.
4. „Dabei sei eine Unterstützergruppe entstanden, die angeblich 10mal größer als die Anzahl der in der Ukraine eingesetzten russischen Soldaten sei.“
5. „Soldaten in den Tod zu schicken, wird … für viele zum profitablen Geschäft.“
6. „Nicht mehr Moral, sondern Amoralität werde zur Tugend.“
7. „Durch den Gnostizismus wird alles bedeutungslos und sinnlos; und nur dies sei anzuerkennen, folglich auch das sinnlose Sterben.“
8. „Volle Wertschätzung gewinnt, wer bereit ist, im Krieg zu sterben. Und da es in Russland Millionen solcher Leute gebe, ende nie der Zustrom sterbewilliger Freiwilliger.“
9. „Wenn sich soziale Nekrophilie mit gnostischem Fatalismus verbindet, entsteht der sogenannte »russische Fatalismus«.“
10. Es komme darauf an, gegen Russland neue Militärstrategien zu entwickeln, so z.B. durch den Einsatz von „Drohnen, Robotern und künstlicher Intelligenz“.

Mittwoch, 15. Januar 2025

Nikolai Karpizki. Russland bereitet sich auf einen Krieg mit der NATO vor. Dies sind die Trümpfe des Kreml und des Westens



Der zukünftige Krieg mit der NATO ist ein Projekt geworden, das bereits offiziell von der russischen Regierung akzeptiert ist. Der Verteidigungsminister Andrei Belousow sagte am 16. Dezember, sein Ministerium bereitet sich auf einen möglichen Krieg zwischen Russland und der NATO in Europa seit 2024 vor. Das Niveau der Militärausgaben beträgt fast ein Drittel des Bundeshaushalts. Solche Ausgaben deuten eins: Der Kreml nimmt einen langen Krieg in Kauf. Grundsätzlich sind die Kriege nicht rentabel, doch die Diktatoren denken anders. Für sie gleicht das Geld der Macht. Und diese Macht kann man nicht nur mit Geld, sondern auch mit militärischer Stärke verstärken. Dies entspricht Putins Temperament. Wenige Tage nach Belousows Erklärung sagte er, ohne Krieg ist das Leben langweilig. Der russische Präsident als ein subjektiver Faktor, der die Welt in den Dritten Weltkrieg treibt. Aber gibt es objektive Umstände, die für den Ausbruch des Krieges sprechen?

Kann Russland wirklich nicht einen Krieg mit anderen Ländern führen, weil es in der Ukraine feststeckt?

Die Optimisten sagen, dass es genau deswegen niemanden anders angreifen kann. Deshalb hat Russland auch Syrien für immer verloren. Tatsächlich wird es wahrscheinlich unmöglich sein, Syrien zurückzugewinnen, zumal die Türkei und Israel dort bereits aktiv intervenieren. Dazu, nach dem Fall des Assad-Regimes, ist auch die damit verbundene Logistik verloren gegangen. Wenn die Optimisten recht haben, wird Russland auch bald Afrika verlassen müssen. Sie können sich auch irren, aber. Was wäre, wenn der Einfluss des Kreml sich in Libyen hält und zusätzliche Kräfte für militärische Operationen in Afrika finden könnte?

Hier ist ein historisches Beispiel, August-September-Wende 1941. Die sowjetische Armee erlitt an der Front eine beispiellose Niederlage. Die Schlacht um Moskau steht bevor. Eine Chance, die Hauptstadt zu halten, ist zweifelhaft. Wer hätte gedacht, dass die Sowjetunion in diesem Moment die Stärke haben würde, den Iran anzugreifen und die nördlichen Provinzen dort zu besetzen? Vor nicht so langer Zeit hofften auch viele, wenn Russland in Syrien feststeckt, es anderswo nicht kämpfen könne. Doch der Krieg in Syrien ermöglichte es, eine Kriegsmaschinerie für den Angriff auf die Ukraine aufzubauen. Die Tatsache, dass Russland jetzt nicht genügend Ressourcen für einen neuen Krieg hat, sollte nicht beruhigend sein. Wenn die Maschinerie bereits existiert, wird sich früher oder später Treibstoff dafür finden können. Die russische Armee ist derzeit durch den Krieg in der Ukraine eingeschränkt. Jedoch wird es mit ihrer Möglichkeit, die Reserven zu mobilisieren, immer noch möglich, in der Zukunft den Krieg auf die anderen Länder zu verbreiten.

Im Jahr 2022 hat Russland alle seine kampfbereiten Militäreinheiten in die Ukraine geschickt. Aufgrund dessen war der Kreml tatsächlich nicht in der Lage, einen weiteren Krieg zu führen, nirgendwo anders. Außerdem hat Russland in der Ukraine einen erheblichen Teil seiner modernen Ausrüstung verloren und musste auf alte Taktiken aus dem Ersten Weltkrieg mit Artillerie- und Infanterieangriffen zurückgreifen. Dieser Fakt bringt die Optimisten in den Glauben, die russische Armee sei erschöpft. Sie wird mehrere Jahre benötigen, um sich auf einen Krieg mit den NATO-Ländern vorzubereiten. Ich bin anderer Meinung.

Bereits während des Krieges in der Ukraine hat die russische Armee mehrmals die Anzahl der kampfbereiten Einheiten erhöht und das Problem mit den Geschossen gelöst. Der Wiederaufbau der Flotte moderner Panzer und anderer Ausrüstungen hat keine besondere Bedeutung, da diese Ausrüstungen in den ersten Monaten des Krieges mit der NATO ohnehin zerstört würden. Die Kämpfe im Donbass zeigen, dass die russische Armee in der Lage ist, Infanterieangriffe auch ohne Unterstützung durch moderne Ausrüstung durchzuführen.

Man muss nicht nur die militärische Stärke berücksichtigen, sondern auch die Funktionalität der Militärmaschinerie. Das, wofür sie bestimmt ist. Ein Bulldozer ist mächtiger als ein Auto, verliert aber in einem Wettrennen gegen diesen. Genauso ist es mit dem Militär. Die mächtigste Armee, die für die Offensive geschaffen wurde, kann in der Verteidigung kläglich versagen. Wie es das Scheitern der sowjetischen Armee in den ersten Monaten des Krieges gegen das nationalsozialistische Deutschland zeigte. Die NATO hat qualitativ bessere Armeen als Russland. Diese sind aber für kurze, lokale Kriege und im Moment nicht für einen kontinentalen Zermürbungskrieg geeignet. Ursprünglich wurde die russische Armee von 2022 ebenfalls ähnlich konzipiert. Doch das Konzept ging nicht auf. Der Blitzkrieg hat nicht geklappt. Nach dem Scheitern waren die Russen gezwungen, sich zurückzuziehen und neu zu organisieren. Hätten die westlichen Länder der Ukraine in diesem Moment genügend militärische Hilfe geleistet, hätte der Krieg schon damals enden können. In der Verschnaufpause haben die russischen Behörden eine neue Kriegsmaschinerie aufgebaut, die für einen großangelegten kontinentalen Zermürbungskrieg geeignet ist.

Der Staatsapparat im Krieg

Die westlichen Länder leben noch immer im Friedensmodus, und ihre Armeen sind nur ein Teil der staatlichen Struktur. In Russland ist es genau das Gegenteil. Der Staat selbst ist zu einem Teil der Struktur der Armee und der Geheimdienste mutiert worden. Das bedeutet, dass die Armee in Friedenszeiten nur eines der Instrumente des Staates ist. In Kriegszeiten wird der Staat zu einem Teil der Militärmaschinerie. Alle staatlichen und öffentlichen Institutionen – die Massenmedien, Gerichte, Regierungs- und Kommunalbehörden, das Sozialsystem und die Industrie – werden auf die Unterstützung der kämpfenden Armee umgestellt und können in Friedenszeiten nicht mehr normal funktionieren.

Der Mechanismus des Funktionierens der russischen Militärmaschinerie wird durch die Art der Geldverteilung bestimmt. Bis 2022 war der Staat ein Anhängsel oder Ballast der Monopole, die mit natürlichen Ressourcen handelten und ihre Einnahmen in westlichen Ländern aufbewahrten. Was nicht mehr möglich ist aufgrund der Sanktionen. Was dazu führte, dass die staatlichen Einnahmen zuerst für die militärische Produktion und die Bezahlung von Vertragssoldaten verwendet und dann in Regionen mit verarmter Bevölkerung investiert wurden, die zuvor unter mangelnder Finanzierung litten. Dies schafft eine soziale Basis für die Unterstützung des Krieges. Die Armut treibt die Menschen in solch großer Zahl dazu, sich als Vertragssoldaten zu melden, dass keine Zwangsmobilisierung erforderlich ist. Da der Tod von Vertragssoldaten kein Mitgefühl weckt, ignorieren die meisten Menschen in Russland den Krieg einfach. 

Wenn jedoch der Krieg enden würde, müsste die Wirtschaft in den Friedensmodus übergehen. Die Finanzströme in den armen Regionen würden aufhören. Ein demokratisches Land könnte Geld in den Wiederaufbau der Industrie und den sozialen Schutz der Bevölkerung investieren. Nicht aber eine Diktatur, die ihr Land immer ausgeraubt hat. Die Menschen haben sich jedoch bereits an das neue Einkommensniveau gewöhnt, dessen Verlust massiven, spontanen Zorn mit unvorhersehbaren sozialen Konsequenzen verursachen würde. Dazu muss man mit Hunderttausenden Menschen rechnen, die von der Front zurückkehren. Diese wurden während des Krieges moralisch deformiert und haben die Fähigkeit zum normalen sozialen Leben verloren. Sie werden Privilegien fordern und ihren Hass auf andere auslassen.  Diese Umstände, wenn der Krieg in der Ukraine auf irgendwelche Weise beenden sein sollte, werden das Russland von der Wahl stellen: entweder in einen Zustand der Instabilität zu geraten oder einen neuen Krieg zu beginnen.

Derzeit ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs des Dritten Weltkriegs aufgrund mehrerer Umstände noch äußerst gering. Erstens möchte die russische Führung, während die russische Armee im Donbass vorrückt und die gesamte Ostfront bedroht, nicht durch andere Frontabschnitte abgelenkt werden. Wenn sie nicht einmal Truppen vom Donbass in die angegriffene Region Kursk verlegt hat, wird sie wahrscheinlich auch nicht für militärische Operationen gegen die NATO-Länder umleiten.

Zweitens wird Putin keine radikalen Maßnahmen in einer unsicheren Situation ergreifen, während Donald Trump absichtlich eine Atmosphäre der Unsicherheit schafft. 

Drittens, welche Strategie wird China wählen, weiß man auch nicht genau. Einerseits bauen sie ihre militärische Macht auf und drohen Taiwan, andererseits streben sie nach einem technologischen Durchbruch, der es ihnen ermöglicht, die Wirtschaftskrise auf friedlichem Wege zu überwinden.

Viertens ist es unmöglich, an einem Weltkrieg ohne Verbündete teilzunehmen. Derzeit gibt es auf der Welt nur noch zwei Länder mit imperialen Ambitionen, die versuchen, ihren Einfluss auf andere Länder mit militärischer Gewalt auszudehnen – Russland und den Iran (was macht sie zum natürlichen Verbündeten). Nach der Niederlage der Hisbollah im Libanon durch Israel und dem Sturz des Assad-Regimes sind die imperialen Pläne des Iran jedoch gescheitert, was bedeutet, dass Russland im Falle eines Dritten Weltkriegs ohne Verbündete dastehen würde.

Gibt es einen Grund, warum die NATO-Staaten eine russische Invasion fürchten sollten?

Ich glaube nicht, dass Russland in der nahen Zukunft eine Bedrohung für die NATO-Länder darstellen könnte. Die Zukunft ist jedoch unvorhersehbar und die Situation könnte sich ändern, wenn die NATO-Staaten sich nicht auf einen Krieg mit Russland vorbereiten. Vor diesem Hintergrund sollten wir uns überlegen, ob Russland erfolgreich einen Krieg gegen sie führen könnte, wenn es im Falle eines Waffenstillstands mit der Ukraine Hunderttausende von Soldaten freisetzen würde. Zu diesem Zweck schlage ich vor, die hypothetische Situation eines Krieges zwischen Russland und der NATO zu untersuchen, anhand des Verlaufs des russisch-ukrainischen Krieges. Nützlich dabei werden die Erfahrungen des besten militärischen Analysten der Ukraine – Walerij Saluschnyj. Dank seines militärischen Talents gelang es, 2022 die Russen aus Cherson und der Region Charkiw zu vertreiben.

Am 1. November 2023 schrieb Walerij Saluschnyj einen programmatischen Essay im Magazin The Economist. Darüber, dass Russland die Ukraine in einen Stellungskrieg verwickelt hat. Womit die Russen Oberhand gewonnen haben. Um den Lauf der Dinge zu ändern, muss die Ukraine zu einem Bewegungskrieg übergehen, wozu sie jedoch in fünf vorrangigen Bereichen die Überlegenheit erlangen muss. Ich denke, dies gilt auch für andere Länder, die Russland angreifen könnte.

Der erste Schwerpunkt ist die Luftwaffe. Das heißt, die Kontrolle über den Luftraum für großangelegte Bodenoperationen. Hier ist Russland der Ukraine weit überlegen, aber die NATO-Länder hätten im Falle eines Krieges mit Russland einen enormen Vorteil. Einige Aufgaben der bemannten Luftfahrt werden derzeit von Drohnen übernommen, die sowohl von der Ukraine als auch von Russland aktiv entwickelt werden, aber Russland hat in diesem Bereich größere Produktionskapazitäten.

Der zweite Schwerpunkt ist die elektronische Kampfführung (EloKa). Diese dient der Störung der Kommunikations- und Navigationssignale des Feindes. In diesem Feld hat Russland in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht. Seit 10 Jahren wurde dieses Sachgebiet modernisiert. Dabei entsandte sogar eine neue Militärabteilung, zusätzlich wurden 60 neue Arten von Ausrüstungen entwickelt. Währenddessen hat die Ukraine gerade erst damit begonnen, solche Kräfte aufzubauen. Bei diesem zweiten Parameter hat Russland also erneut die Oberhand, könnte diese jedoch verlieren, da die Informationstechnologien der NATO-Länder deutlich fortschrittlicher sind. Daher könnten die NATO-Länder in Zukunft auch in diesem prioritären Bereich im Vorteil sein, insbesondere angesichts der Entwicklung der künstlichen Intelligenz.

Der dritte Schwerpunkt ist das Gegenbatteriefeuer, also die Bekämpfung der feindlichen Artillerie. Hier hat Russland nicht nur gegenüber der Ukraine, sondern auch gegenüber den NATO-Ländern einen Vorteil, die zwar Geschosse von besserer Qualität, diese jedoch nicht in ausreichenden Mengen produzieren. Kamikaze-Drohnen, die sowohl von der Ukraine als auch von Russland aktiv eingesetzt werden, haben teilweise die Aufgaben der Artillerie übernommen.

Der vierte Schwerpunkt (den Walerij Saluschnyj hervorhebt) ist die Technologie zur Räumung von Minenfeldern des Feindes, um effektive Angriffe durchzuführen. Jedoch kommt hier noch eine Sache dazu. Nachdem die ukrainische Armee in die Defensive gegangen ist, stellte sich heraus, dass sie äußerst begrenzte Möglichkeiten hat, selbst Minenfelder zu legen, um die feindliche Infanterie aufzuhalten. In diesem vorrangigen Bereich versagen nicht nur die Ukraine, sondern auch andere europäische Länder. Diese haben die Konvention über das Verbot von Antipersonenminen unterzeichnet und dementsprechend ihre Bestände zerstört. Wie sollen sie dann die Angriffe der russischen Infanterie aufhalten? Glücklicherweise sind die USA dieser Konvention nicht beigetreten. Wird aber die Entscheidung, Minen nach Europa zu liefern, rechtzeitig getroffen, trotz rechtlicher und bürokratischer Schwierigkeiten?

Der fünfte Schwerpunkt ist der Aufbau eigener Reserven. Russland hat einen Mechanismus zur Auffüllung der Armee ohne Zwangsmobilisierung geschaffen und baut langsam die Anzahl der kampfbereiten Einheiten auf. Von denen gibt es bereits genug, um die ukrainische Verteidigung an verschiedenen Frontabschnitten zu durchbrechen, jedoch immer noch zu wenig, um den dauerhaften Erfolg aufzubauen, daher ist die russische Offensive langsam. Nach Schätzungen der Militärführung, die von Walerij Saluschnyj Ende 2023 bestätigt wurden, müssen 450.000 bis 500.000 Reservisten mobilisiert werden, um den Bedarf der ukrainischen Armee für das Jahr 2024 zu decken. Die Mobilisierung wurde jedoch spät und mit großen Problemen durchgeführt, sodass die Zahl derjenigen, die die ukrainische Armee verstärkten, weit unter den Erwartungen lag. Einer vor Gründen, warum sich das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld im Jahr 2024 langsam zugunsten Russlands verschoben hat. Die Situation verschlechtert sich noch mehr durch das Gesetz Nr. 8109 vom 18. Oktober 2022, das die Wehrpflicht während des Kriegsrechts abschafft. Das bedeutet, dass Russland in diesem prioritären Bereich eine absolute Überlegenheit gegenüber der Ukraine hat und ich denke, dass sie dieselbe Überlegenheit gegenüber den NATO-Ländern im Falle einer militärischen Auseinandersetzung haben wird.

Das bedeutet, dass die Ukraine im Jahr 2024 in keinem der von Walerij Saluschnyj genannten prioritären Bereiche die Oberhand hatte, was den Erfolg der russischen Armee erklärt. Er berücksichtigte jedoch einen anderen Bereich nicht – die Qualität der Truppenführung. Nach der Absetzung von Saluschnyj als Hauptkommandant der ukrainischen Armee kam es zu einer Führungskrise im Militär, die bis heute nicht überwunden wurde und zu tragischen Situationen an der Front führt.

Im Falle eines Krieges zwischen Russland und den NATO-Ländern wird Russland in mindestens drei prioritären Bereichen die Oberhand haben. In der Ersten jedoch nicht. Da werden die NATO-Länder eine absolute Überlegenheit haben, und das gilt nicht nur für die Luftfahrt, sondern auch für präzise Raketensysteme. Das kann ausreichend sein, um Russland einen ersten, vernichtenden, entwaffnenden Schlag zu versetzen, der zum Sieg führen könnte. Aber was, wenn die NATO-Länder nach diesem ersten Schlag einen Waffenstillstand eingehen und Verhandlungen mit Russland aufnehmen, um zum Vorkriegszustand zurückzukehren? In diesem Fall wird sich Russland von dem Schlag erholen und die NATO in einen Stellungskrieg verwickeln. Dabei werden diese drei prioritären Bereiche auf seiner Seite sein, mit der absoluten Überlegenheit. Minen und Artillerie, aber was am wichtigsten ist, die unerschöpflichen Reserven für die Armee. Wenn der Krieg andauert, wird die fortschrittliche Technologie erschöpft sein und die Masse der Soldaten auf dem Schlachtfeld wird über alles entscheiden, so wie es derzeit an den Fronten der Ukraine geschieht.

Russland hätte (sowohl 2022 als auch 2023) in der Ukraine gestoppt werden können, aber es gab nicht genug politischen Willen der westlichen Länder, dies zu tun. Wenn sich der Krieg auf die NATO-Länder ausweiten sollte, könnte eine Möglichkeit entstehen, Russland zu besiegen. Es wird aber vor den westlichen Ländern genau diesen Willen verlangen, den sie bisher nicht gezeigt haben. Was Putin tun will, weiß niemand, er selbst auch nicht. Er ist jetzt nicht bereit für einen Krieg mit der NATO. Was nicht heißt, er vorbereitet sich nicht darauf. Der russische Diktator beobachtet genau das Verhalten der westlichen Führer. Wenn sie Entschlossenheit zum Sieg zeigen würden, anstatt auf einen vorübergehenden Waffenstillstand zu setzen, wird er die NATO-Länder nicht angreifen. Genauso wie er die Ukraine nicht angegriffen hätte, wenn er eine starke Bewegung des Westens zu ihrer Verteidigung zu sehen bekäme.

Übersetzung von Michal Talma-Sutt.


Nikolai Karpizki. Warum Russland die Sterbewilligen nicht ausgehen

Quelle: Dekoder. 07.06.2025
URL: https://www.dekoder.org/de/article/russland-krieg-freiwillige-kultur/


Während die ganze Welt aufmerksam den Personalmangel der ukrainischen Armee und die Schwierigkeiten der Mobilisierung in der Ukraine verfolgt, scheint Russland immer weiter Nachschub für seine Frontstellungen und Angriffe auf die Ukraine rekrutieren zu können.

Erklären kann man sich das einerseits durch das repressive Kreml-Regime, das keine Widerworte duldet, andererseits mit verlockend großen Geldsummen für die Kämpfenden und ihre Angehörigen. Der Postpravda-Autor Nikolai Karpizki sucht indes nach einer Erklärung in dem zugrundeliegenden Weltbild und der vorherrschenden Haltung zu Leben und Tod, speziell in entlegeneren und weniger privilegierten Regionen Russlands.  


Karpizki ist Doktor der Philosophie und Religionswissenschaftler aus Tomsk (Sibirien), lehrte in Kyjiw und Charkiw, war seit 1995 Mitglied der Antikriegsbewegung. 2015 emigrierte er in die Ukraine, aktuell lebt und arbeitet er im ukrainischen Slowjansk (Oblast Donezk), das andauernd Ziel russischer Angriffe ist. Seine Forschungsschwerpunkte und Lebenserfahrungen schlagen sich in dem Meinungsstück zum Thema Krieg als Selbstzweck nieder.


Original 5. Dezember 2024 von Nikolai Karpizki auf PostPravda.info. 05.12.2024
Übersetzung von Michal Talma-Sutt (PostPravda)   


Im Jahr 2022 überwog noch die Erwartung, dass sich die russische Armee zurückziehen würde, wenn sie schweren Schaden erlitte. Das ist nicht passiert.  

2024 erwartete man dann, dass den Russen wegen riesiger Verluste die kampffähigen Soldaten ausgehen würden. Auch das hat sich nicht erfüllt.  

Nun heißt es: Russland bräuchte nach Beendigung der aktuellen Kampfhandlungen mehrere Jahre, um seine Armee für einen neuen Krieg zu erneuern. Auch das wird nicht der Fall sein. Russland wird bereit sein, Polen oder das Baltikum zu überfallen, sobald seine Streitkräfte in der Ukraine frei werden. Und die NATO hat dem bislang nichts entgegenzusetzen.

Das wirft Fragen auf:

Wie kann die russische Führung ohne Rücksicht auf Verluste ihre Soldaten verheizen?

Wo findet die russische Armee immer neue Vertragssoldaten, obwohl sie bekanntermaßen oft in selbstmörderische Angriffe geschickt werden?

Warum machen Russlands Soldaten keinen Aufstand oder ergeben sich in [ukrainische] Kriegsgefangenschaft?

Wieso steht die russische Gesellschaft den enormen militärischen Verlusten scheinbar so gleichgültig gegenüber und unterstützt weiterhin den Krieg?

Akzeptanz des sinnlosen Todes


Wir haben es hier mit einem einzigartigen historischen Phänomen zu tun: Die russische Gesellschaft unterstützt den Krieg gegen das Nachbarland auf Kosten rücksichtsloser Vernichtung ihrer eigenen Soldaten. Selbst Kranke und Verwundete werden in selbstmörderische Angriffe geschickt. Das ist nur möglich, weil es eine gesellschaftliche Akzeptanz für sinnlosen Tod gibt. So etwas gibt es sonst nirgendwo. Es kommt vor, dass eine Gesellschaft für einen Sieg zu riesigen Opfern bereit ist – doch das setzte die Vorstellung voraus, dass solch ein Tod nicht sinnlos ist.  

Natürlich kann man das nicht verallgemeinern und alle Russen über einen Kamm scheren. Es gibt in Russland auch Menschen, die gegen den Krieg und für die Ukraine sind. Sie sind jedoch verstreut und bilden keine entscheidende gesellschaftliche Gruppe. Stattdessen bringt ein gesellschaftliches Einverständnis zum sinnlosen Sterben ein Kräfteverhältnis in der Gesellschaft hervor, das eine breite Unterstützung des Kriegs als Selbstzweck möglich macht: Krieg um des Krieges willen.  

Für diese Akzeptanz gibt es meines Erachtens zwei Ursachen.
 

Der „Todesstaat“ – das soziale Antisystem in Russland


Die erste Ursache ist sozial-historischer Natur: Eine sehr treffende Erklärung finden wir bei dem russischen Historiker Dmitri „Sawromat“ Tschernyschewski, der mittlerweile im Exil lebt und in seinem YouTube-Kanal Total War & istorija seine Sicht auf Russland als Militärmacht beziehungsweise als „Imperium des Volksleidens“ darstellt. Um sich als Imperium zu bezeichnen, müsse ein Staat anderen gegenüber überlegen sein, meint Tschernyschewski. Schon das Moskauer Zarenreich sei vor allem in der rücksichtslosen Ausbeutung menschlicher Ressourcen überlegen gewesen. Die Haltung gegenüber der eigenen Bevölkerung als Verbrauchsmaterial zog sich durch die gesamte Geschichte Russlands. So konnten Kiegssiege durch Masse errungen werden, ohne dass man Rücksicht auf Verluste nehmen musste. Armut und Rechtlosigkeit sind notwendig, damit ein solches Staatssystem funktioniert.

Im heutigen Russland beobachten wir eine Wiedergeburt dieses brutalen Staatssystems, ja sogar die Mutation zu etwas Schlimmerem: einem „Todesstaat“ – oder „Antisystem“, wie Tschernyschewski den Begriff von Lew Gumiljow übernimmt. Dieses Antisystem fresse sich in Russland selbst hinein und führe letztlich zum Tod. Dies zeige sich unter anderem in der Ökonomie des Todes, wo Einnahmen aus Öl und Gas den pekunären Wohlstand für Familienangehörige der gefallenen Soldaten sichern. Dies schaffe eine starke soziale Basis zur Unterstützung des Regimes und seines Repressionsapparates – den so genannten Silowiki – und des Krieges. 

Diese Unterstützergruppe ist rund zehnmal größer als die derjenigen, die aktiv gegen die Ukraine kämpfen. Auch die arme Bevölkerung in strukturschwachen Gebieten gehört dazu. Dort fließt durch den Krieg zum ersten Mal Geld. Für sie würde ein Kriegsende ein Ende des Geldflusses bedeuten und außerdem die Rückkehr vieler potenzieller Straftäter von der Front. Gerade diese Schicht garantiert den stetigen Zustrom von freiwilligen Kämpfern, die nicht nur wegen des Geldes einen Vertrag mit der Armee unterschreiben, sondern auch, weil sie darin die einzige Chance sehen, dem sozialen Abgrund zu entkommen. Und so sind keine Proteste in Russland möglich.

Laut dem bloggenden Historiker Tschernyschewski galten Soldaten in der Geschichte der russischen Armee stets als ersetzbares Verbrauchsmaterial. Im Antisystem des heutigen Russland kommt jedoch noch etwas hinzu: Die Entsendung von Soldaten in den Tod ist profitabel geworden. Denn Vertragssoldaten kommen mit Geld zum Militär. Man kann sie bestechen und gegen eine gewisse Summe im ungefährlicheren Hinterland einsetzen oder sie stattdessen in den Tod schicken, doch diesen Tod erst später melden und so womöglich selbst Geld kassieren.  

Je häufiger die Truppen erneuert werden, desto mehr Möglichkeiten gibt es, an ihnen zu verdienen. So entsteht ein System, in dem die Armee zunächst ihre eigenen Soldaten und erst danach die Soldaten des Feindes eliminiert. Außerdem gibt es in der russischen Bevölkerung kaum Mitleid mit den Freiwilligen, das macht die Gesellschaft unempfindlich gegenüber militärischen Verlusten. Und für den Staat bedeutet der Tod von Soldaten an der Front niedrigere soziale Kosten. Denn Tote brauchen keine medizinische Versorgung und keine soziale Unterstützung.


Im Antisystem tauschen Gut und Böse die Plätze


Die zweite Ursache, warum der Krieg als Selbstzweck funktioniert, ist eine besondere Haltung zum Leben und dem Tod. Diese ist existenziell und gründet auf einem Weltbild, in dem alles, was geschieht, durch die Anwesenheit eines Feindes erklärt wird, der das Ur-Böse verkörpere. Für den Kampf gegen diesen Feind werden alle moralischen Beschränkungen aufgehoben. Jede gute Tat zu seinen Gunsten wird als schlecht betrachtet, und jede schlechte Handlung gegen den Feind als gut. So verkehren sich Wertevorstellungen in ihr Gegenteil – Amoralität wird zur Tugend, Gräuel werden zu Heldentaten. 

Das daraus resultierende Weltbild hatte sich schon früher in zwei Varianten manifestiert, die in zwei unterschiedlichen emotionalen Zuständen ihren Ausdruck fanden: im Manichäismus und im Gnostizismus. Der Manichäismus ging von der Vorstellung aus, dass unsere helle Welt sich mit der Welt des Ur-Bösen vermischt hat und wir daher zum Kampf verdammt sind. Der Gnostizismus dagegen basierte auf der Vorstellung, dass unsere Welt durch einen Fehler oder den Willen eines bösen Gottes (der Demiurg) geschaffen wurde. Letztlich ist dann alles bedeutungslos, es gibt keinen Unterschied zwischen guten und bösen Taten und so ist es letztlich sinnlos, gegen das Böse zu kämpfen. 

Auf Grundlage dieser beiden Weltanschauungen entstanden verschiedene Lehrmeinungen und religiöse Überzeugungen, die jedoch vor allem zu destruktiven Stimmungen führten innerhalb bereits bestehender Religionen – des Christentums und des Islam.

Im historischen Russland führte die rücksichtslose Haltung der Machthaber gegenüber der eigenen Bevölkerung zum Entstehen einer manichäischen Stimmung in der Orthodoxie. Ein Symptom dieser Stimmung war die Kirchenspaltung im 17. Jahrhundert aufgrund ritueller Diskrepanzen, die aus Sicht der griechischen Orthodoxie keiner Erwähnung wert waren. Doch in Russland führte die Heftigkeit des Schismas sogar zu kollektiven Selbstverbrennungen. Natürlich ging es dabei nicht nur um rituelle Diskrepanzen, sondern um die Wahrnehmung der Welt ringsum als fremd und feindselig.

Als dann die Bolschewiki ihren Kampf gegen die Religion entfachten, integrierten sie in ihre Doktrin des Klassenkampfes eine manichäische Grundhaltung. Sie sahen ihre Mission darin, die Welt von Ausbeutung, also vom Bösen, zu befreien und eine gerechte Gesellschaft zu errichten – das Reich des Guten. Moralische Pflichten galten nur gegenüber den der Arbeiterklasse Nahestehenden. Anderen gegenüber, den Feinden, war alles erlaubt – womit selbst die Stalinschen Massenrepressionen gerechtfertigt wurden. 

Allerdings hat die kommunistische Ideologie zwei Seiten. Zum einen den rücksichtslosen Klassenkampf gegen Feinde und zum anderen die Utopie einer gerechten Gesellschaft, einer strahlenden Zukunft, der Eroberung des Weltraums, des Fortschritts. Doch mit der Ära des Ölwohlstands verlor der Klassenkampf an Bedeutung. Die Gesellschaft hatte sich in einen utopischen Traum eingelullt, als lebe sie im freiesten und menschenfreundlichsten Land der Welt – bis sie durch den Preissturz auf dem Ölmarkt unsanft aufgeweckt wurde.

Auch in Russland denken und fühlen die Menschen natürlich unterschiedlich. An dieser Stelle geht es jedoch um die aktuell vorherrschende Stimmung. Diese bestimmt die Ereignisse des gesellschaftlichen Lebens und sie entspricht einem gnostischen, nicht einem manichäischen Weltbild: Da alles bedeutungslos scheint, spielt es keine Rolle, ob wir Gutes oder Böses tun. Was bleibt, ist, diese Sinnlosigkeit des Lebens anzuerkennen und zu tun, was man will, und letztlich auch sinnlos zu sterben. Anders als in der Sowjetunion, wo die soziale Nekrophilie auf dem manichäischen Weltbild beruhte, ist sie heute in Russland durch das Gnostische ersetzt.

Der gnostische Fatalismus russischer Frontsoldaten


Aber wenn alles bedeutungslos ist, warum treten dann Menschen in die Armee ein, um gegen die Ukraine zu kämpfen? Stellen wir uns einen gewöhnlichen Menschen aus einer deprimierenden Gegend vor. Keine oder nur mies bezahlte Arbeit, zu Hause ständig Streit und Sorgen, und für die Gesellschaft ein Niemand, eine Leerstelle. Ein Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit. Am schwierigsten ist es, wenn man alle Kräfte aufbringen muss, um zu überleben, wenn doch alles sinnlos erscheint. Dann ist es einfacher, sich mit Alkohol oder Drogen zu betäuben. Ein solcher Zustand erstickt den Selbsterhaltungstrieb, der Tod wird nicht mehr als Übel wahrgenommen, denn der Unterschied zwischen Gute und Böse existiert nicht mehr. Je einfacher die Welt ist, desto weniger muss man sich anstrengen. So machen Krieg und Tod die Welt einfacher. Das ist die nekrophile Stimmung, die auf einem gnostischen Weltbild basiert.

Und einem solchen Menschen wird vorgeschlagen, in den Krieg in der Ukraine zu ziehen. Er akzeptiert ohne Widerrede die russische Propaganda als Wahrheit, obwohl ihm in Wirklichkeit egal ist, wer schuld ist am Krieg. Ihm geht es um etwas anderes – um die eigene Bedeutung und Straflosigkeit. Ihm wird versprochen, dass ihn alle, wenn er überlebt, als Veteran ehren würden. Einfacher ausgedrückt: Er kann alles tun, was er will. Und alle würden es wertschätzen. Aber um das zu erreichen, muss man bereit sein, zu töten und zu sterben. In der gnostischen Stimmung mit unterdrücktem Selbsterhaltungstrieb, wo es keinen Unterschied zwischen Gut und Böse gibt, ist es nun leicht, einen solchen Vorschlag anzunehmen. In Russland gibt es Millionen solcher Menschen. Daher wird der Zustrom von Freiwilligen in die russische Armee nicht enden.

Auch in der Sowjetunion gab es soziale Nekrophilie, allerdings anderer Art. Damals gingen die Menschen in den Krieg, um für eine Idee [den Sieg über den Faschismus – dek] zu töten und zu sterben. Im heutigen Russland – für die Möglichkeit zu tun, was immer man will. Wenn alles bedeutungslos ist, gibt es schließlich keine moralischen Zwänge mehr, nicht nur gegenüber Fremden, sondern auch den eigenen Leuten.  

Diese gnostische Art der sozialen Nekrophilie ist verknüpft mit einem gnostischen Fatalismus. Ein ukrainischer Offizier, den ich kenne, nannte es „russischen Fatalismus“. Er war zutiefst erschüttert von einem Kriegsvideo, das zwei russische Soldaten zeigte, die sich hinsetzten, um eine Zigarette zu rauchen. In diesem Moment wurde einem von ihnen der Kopf von einem Splitter abgerissen. Der andere zuckte nicht einmal und rauchte ruhig seine Zigarette weiter.

Es gibt verschiedene Arten von Fatalismus. Einmal den stoischen Fatalismus, wenn ein Mensch sein Schicksal akzeptiert, aber weiterhin ehrlich gemäß seiner vernünftigen Natur handelt und sich seiner Zugehörigkeit zum Weltgeist oder einem Gott bewusst ist. Nun haben wir es aber mit jenem gnostischen Fatalismus zu tun, bei dem der Mensch keinen Sinn im Leben sieht und sich mit seinem eigenen und dem Tod anderer abfindet. Und so zieht er in ein fremdes Land, um zu töten. Genau dieser Fatalismus führt dazu, dass russische Soldaten in sinnlosen Angriffen in den Tod gehen, anstatt sich gegen ihre Kommandeure aufzulehnen, die von ihrem Tod profitieren.

Wie ist die russische Armee aufzuhalten?


Die Geschichte wiederholt sich. Wenn Russland in Kriegen gewann, dann durch zahlenmäßige Überlegenheit, und wenn es verlor, dann aufgrund technologischer Rückständigkeit. Weder die Ukraine noch Europa haben und wollen so einen Mobilisierungsmechanismus wie Russland, um Menschen aus ärmeren Gebieten zu rekrutieren. Deswegen wird Russlands Armee zahlenmäßig überlegen bleiben. Natürlich ist die NATO technologisch wie taktisch fortschrittlicher und könnte im Falle eines Krieges enormen Schaden auf der russischen Seite verursachen. Was aber passiert, wenn diese besseren Waffen der NATO aufgebraucht sind und die russische Armee weiter mit neuen Freiwilligen kämpfen kann?  

Es liegt auf der Hand, dass auf Grundlage der besonderen Art der russischen Kriegsführung neue militärische Strategien entwickelt werden müssen. Ich setze große Hoffnungen in die Entwicklung von Drohnen, Robotern und künstlicher Intelligenz – sodass die Soldaten an der Front zunehmend technisch ersetzt werden können. In diesem Fall könnte Russland seinen einzigen Vorteil gegenüber zivilisierten Ländern verlieren.

Und bis dahin muss der Ukraine dabei geholfen werden, diese gefährlichste Zeit zu überstehen und Europa vor einer russischen Invasion zu schützen.



Freitag, 6. Dezember 2024

Anna Chagina: „Ich hatte Angst, „Solnechny Krug“ zu singen

Quelle: 24/02/2022. Очевидцы / 06.11.2024  https://ochevidcy.com/anna-chagina-mne-bylo-strashno-pet-solnechnyj-kru

Anna Chagina ist eine Bratschistin aus Tomsk. Nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine nahm sie an einer Antikriegskundgebung teil, ging zu Streikposten und verfasste Antikriegsbeiträge in sozialen Netzwerken. Zunächst wurde ihr ein Verwaltungsverfahren vorgeworfen, dann eine Straftat nach dem Paragraphen „Diskreditierung der Streitkräfte der Russischen Föderation“. Als sie kamen, um sie zu suchen, sang sie denen etwas vor, die sie durchsuchten.

Das Land verlassen. Lebt derzeit in Vilnius. Spielt Jam-Sessions mit Musikern aus verschiedenen Ländern.

Erzählen Sie uns etwas über sich.

- Mein Name ist Anna, ich komme aus Tomsk und bin 44 Jahre alt. Ich beschäftige mich schon fast mein ganzes Leben lang mit Musik, bin Christ und habe zwei erwachsene Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Jetzt lebe ich in Vilnius und versuche, mein Leben wieder aufzubauen.

Wie lange machst du schon Musik und welche Art von Musik magst du?

— Meine erste Ausbildung war im Bereich Kulturwissenschaften, aber dann habe ich beschlossen, dass ich etwas Praktischeres machen und mich mehr in der Kunst verwirklichen möchte, also habe ich ein Studium an einer Musikhochschule begonnen. Ich habe das College mit einem Abschluss in Bratsche abgeschlossen und dort begann meine musikalische Karriere. Ich arbeitete bei der Philharmonie, begann dann, Geigenunterricht zu geben und spielte in verschiedenen Musikgruppen. Ich habe eine große Leidenschaft für irische Musik, Punkrock und ich liebe Bach.

Sagen Sie mir, wie Sie, eine „Frau mittleren Alters“, die Armee zweimal „diskreditieren“ konnten?

– Ich möchte „einfach“ sagen, aber das ist im Allgemeinen ein bitterer Witz. Tatsächlich kann eine Frau mittleren Alters zu einer Bedrohung für die russische Armee, für ihre Ehre und Würde werden. Es ist keine sehr angenehme Erfahrung.

Warum haben Sie an der Antikriegskundgebung in Tomsk teilgenommen?

Ich las morgens im Liegen über den Kriegsbeginn, aber es kam mir vor, als wäre ich hingefallen. Es war ein Schock, denn ich bin nicht der Typ, der die Nachrichten verfolgt. Meine Freunde und ich diskutierten mehrere Tage lang intensiv darüber, machten uns Sorgen und begannen schließlich, allein auf Mahnwachen zu gehen. Meine Tochter ging allein auf Mahnwachen und wurde noch am selben Tag festgenommen. Nach ihrer Verhaftung erzählte sie mir, was auf der Polizeiwache passiert war, wie man mit ihr gesprochen und wie sie sich verhalten hatte. Dann wurde ein Gesetz gegen Verleumdung verabschiedet, und später gab es eine Kundgebung. Es war beängstigend, aber wir gingen hin. Es war sehr verstörend, aber zu Hause zu sitzen war noch schwieriger, genauso wie gar nichts zu tun. Eine Kundgebung ist zumindest möglich. Ich ging nicht allein auf Mahnwachen, weil ich Angst hatte. Bei der Kundgebung wurde ich zusammen mit mehreren anderen fast sofort festgenommen. Meine engsten Freunde waren in der Nähe, also nahmen sie zuerst die Tochter meiner Freundin mit, dann ihren Mann, dann nahm ich ihr Plakat und ging damit, bis sie mich festnahmen. Ich hatte eine Ich hatte ein Gespräch mit einem FSB-Offizier, woraufhin sie mich verwarnten und mich verfolgten. Es war März. Ich bat Leute, mir bei der Bezahlung der Strafe zu helfen, und innerhalb von drei Tagen sammelten wir über VKontakte Geld für meine Strafe und die eines anderen Mädchens, das ich kannte. Meine Freunde sagten mir sofort, dass ich gehen müsse, dass sie es so nicht weitergehen lassen würden, dass es nur noch schlimmer werden würde. Ehrlich gesagt glaubte ich nicht, dass es mir persönlich noch schlechter gehen würde, aber ich hatte große Angst um meine Freunde und Angehörigen. Ich war kein Mitglied politischer Organisationen und äußerte meine bürgerliche Position selten aktiv, daher machte ich mir keine großen Sorgen um mich selbst. Als all das mit mir anfing – die Überwachung, das Trolling im Internet –, behandelte ich es als etwas Unwirkliches. Es war natürlich stressig, aber gleichzeitig dachte ich im Vergleich zu den Kriegsereignissen, dass es nur kleine Schwierigkeiten seien.

Ihnen wurde eine zweite „Diskreditierung der russischen Armee“ vorgeworfen, weil Sie auf VKontakte den Philosophen Nikolai Karpizki zitiert hatten. Sagen Sie uns, worin die Diskreditierung eigentlich bestand?

- Nikolai Karpizki ist der Lehrer meines Freundes, der mich stark beeinflusst hat. Das ist meine Kindheit und Jugend, ich war damals 16 Jahre alt und hatte gerade angefangen, in die Kirche zu gehen. Mein Freund erzählte mir von seinem Lehrer, von seinen antifaschistischen Initiativen, davon, wie tief er in das Studium der religiösen mittelalterlichen Mystik vertieft war – so erfuhr ich von Karpizki. Ich wusste, dass Karpizki in Slawjansk lebte. Als der Krieg begann, fragte ich meine Freunde, was mit ihm los sei, wie es ihm jetzt ginge, was er mache, und ich begann, seine Posts auf Facebook und Telegram zu lesen. Es stellte sich heraus, dass sich der Mann überhaupt nicht verändert hatte und ein tiefgründiger Denker geblieben war. Er dachte über das Thema Krieg nach und sprach ausführlich über die Geschehnisse in Slawjansk und in anderen Regionen der Ukraine. Ich wollte dies mit anderen teilen. Die Beiträge, die ich auf meiner Site veröffentlichte, enthielten keine Links zu seinem Kanal, aber es waren seine Worte und sie richteten sich in erster Linie an denkende Russen. Dabei handelte es sich um philosophische Betrachtungen zu Themen wie beispielsweise, ob russische Soldaten Orks sind oder nicht, wie Krieg im 21. Jahrhundert möglich ist, was Russland heute ist, was Nekroimperialismus ist. Karpizki veröffentlicht weiterhin seine Gedanken und ich lese sie weiterhin. Er hat mir persönlich am Anfang, als der Krieg gerade erst begonnen hatte, sehr geholfen, weil die Medien eine sehr emotionale Bilanz zogen. Ich kann mir immer noch keine Nachrichten über den Krieg anhören, weil für mich als Musiker alles, was durch meine Ohren dringt, zu traumatisch ist. Jetzt lese ich nur noch. Und Karpizki hatte einen Blick, der mir sehr nüchtern und ohne Druck erschien. Als alles schon ein Albtraum war, wollte ich eine Art lebendiges Zeugnis. Ich weiß nicht mehr, wie viele seiner Beiträge ich veröffentlicht habe, aber das war nach seiner Verhaftung. Mir war klar, dass eine gewisse Haftung bestehen könnte, ich jedoch laut Verfassung nicht strafrechtlich verfolgt werden dürfte, da ich nur ein Verwaltungsvergehen begangen hatte. Ich dachte, ich hätte einen Verwaltungsfall und es würde noch einen anderen geben, aber solange es erträglich war, war ich bereit, es zu versuchen. Als sie kamen, um meine Wohnung zu durchsuchen, erklärte ich ihnen, dass sie gegen das Gesetz verstoßen würden und kein Recht hätten, mich festzunehmen und eine Durchsuchung durchzuführen, da ich nur einen Verwaltungsfall hätte. Daraufhin wurde mir gesagt: „Nein, das ist ein Sonderartikel.“

Erzählen Sie uns, wie die Suche verlaufen ist.

— Der Ermittler, der zu mir kam, sagte sofort, dass die gesamte sowjetische Polizeibehörde mich kenne, ohne jedoch nähere Gründe anzugeben. Es war unangenehm, aber gleichzeitig, würde ich sagen, sehr sanft. Als ich einer Person davon erzählte, sagte ich: „Bei meiner Verhaftung haben sie mich nicht geschlagen, das ist schon mal gut“, denn ich habe gelesen, dass sie einen in anderen Städten schlagen, egal wer man ist – eine Frau, ein Mann, ein älterer Mensch, ein junger Mensch, sie schlagen einen einfach und das war’s. So etwas gab es in Tomsk nicht. Später gab es ähnliche Fälle, in denen Sicherheitskräfte jemanden verprügelten, aber das berührte mich nicht. Ich habe sie gebeten, die Sachen wieder ordentlich zurückzulegen. Wahrscheinlich hatte keiner der Anwesenden erwartet, was er zu sehen bekam – meine Familie, wir waren allein mit meiner Tochter, unsere Umgebung, ich. Wir waren alle schockiert. Der Soldat der Spezialeinheit versteckte sich in einer Ecke und verbrachte die gesamte Durchsuchung auf einem Stuhl sitzend und auf sein Smartphone starrend. Und ich habe ein Konzert für die FSB-Offiziere organisiert.

Wie haben die Leute, die Ihr Haus durchsucht haben, auf Ihre Musik reagiert?

— Das beste Lied war „Bright Star“ – es ist ein Baptistenlied. Wir haben es mit den Kindern in der Grundschule gesungen, es ist Weihnachten gewidmet. Als ich es sang, herrschte eine tiefe Stille. Das heißt, irgendjemand machte weiterhin etwas, aber im Grunde standen alle nur da und hörten zu. Es war ein Kontrast. Die Musik hat mir auf jeden Fall dabei geholfen, da durchzukommen. Meine Tochter versuchte auch zu singen, aber ihre Stimme wurde sofort taub, weil sie, wie sich später herausstellte, eine beginnende Lungenentzündung bekam; zu diesem Zeitpunkt hatte sie lediglich Fieber. Ich habe gesungen, dann hat sie gesungen, dann hat sie gesagt, dass sie nicht mehr kann, und ich habe wieder angefangen zu singen. Dann dämmerte es mir, dass ich insgesamt zwei Stunden lang verschiedene Lieder gesungen hatte. Die FSB-Offiziere äußerten sich unterschiedlich: „Das Lied ist zu kurz“, „Lasst uns etwas Modernes singen“ oder „Ihr singt kein patriotisches Repertoire.“ Dann habe ich ihnen „Kalinka-Malinka“ vorgesungen. Insgesamt war es interessant. Aber ich hatte damals schon Angst, „Sunny Circle, Sky Around“ zu singen, deshalb weiß ich nicht mehr, ob ich es gesungen habe oder nicht. Meiner Meinung nach wurde dieses Lied schon damals als extremistisch eingestuft.

Kann ich Sie bitten, eine Strophe aus „Bright Star“ zu singen?

Ein heller Stern brennt am Himmel.
Die Mutter sagt zu den Kindern beim Weihnachtsbaum:
Bald, bald das neue Jahr,
bald, bald Weihnachten,
das Fest kommt.

Außerdem gibt es eine Wiederholung des Refrains und der folgenden Zeilen: „Frohe Feiertage, schöne Feiertage den erwachsenen Kindern, das sagen sogar die Witzbolde.“ Es ist ein schönes Lied, meine Kinder und ich haben es sehr gern gesungen.

Hatten Sie Angst, ins Gefängnis zu müssen, als ein Strafverfahren gegen Sie eröffnet wurde?

- Ja. Aber die russische Realität hat mich gelehrt, dass alles möglich ist und das Gefängnis nicht die schlechteste Option ist. Nun, Sie werden im Gefängnis sitzen, aber Sie werden wenigstens ein stabiles Frühstück, Mittag- und Abendessen haben und müssen an nichts denken. Im Allgemeinen kommen mir diese schrecklichen, alptraumhaften Gedanken sogar hier, wenn ich in Sicherheit bin. Manchmal denke ich, dass ich meine Familie verlassen habe, das Land verlassen habe und weggegangen bin, anders als Nawalny, aber es wäre besser gewesen, im Gefängnis zu sitzen. Und dann denke ich an diejenigen, die nicht ins Gefängnis gegangen wären, die gezwungen gewesen wären, zu mir zu kommen, die mir Pakete gebracht hätten, die sich Sorgen um mich gemacht hätten, dass es mir dort nicht gut ging. Ich verstehe, dass es sich hierbei um eine endlose Lüge und Demütigung handelt, in der Sie zu leben gewohnt sind, in der Sie zu denken gewohnt sind, dass das Gefängnis der Ausweg ist. In Wirklichkeit ist das Gefängnis keine Lösung. Aber mental war ich darauf vorbereitet. Diese Nacht im Gefängnis zeigte mir, dass ich dort überleben würde.

Sie haben im Prozess gesagt, Sie seien ein überzeugter Pazifist. Wann ist Ihnen das aufgefallen und wie hat es sich geäußert?

— Wann habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht? Nach oder während des Prozesses fiel mir ein, dass ich als Kind bei dem Lied „Sunny Circle“ geweint hatte. Es war nur eine emotionale Reaktion. Hier ist ein sowjetisches Kinderlied: „Sonniger Kreis, Himmel herum“, und Anya weint. Es war völlig unmöglich mitzusingen, weil meine Stimme zitterte. Nun, ich glaube, ich habe es damals begriffen.

Wie sind Sie nach Vilnius gekommen?

Sie versuchten lange, mich zu überreden, das Land zu verlassen. Während des gesamten Prozesses sagten mir meine Freunde immer wieder: ‚Wir holen dich raus!‘, ‚Du kannst nicht bleiben, sie stecken dich ins Gefängnis.‘“ Nachdem ich nicht ins Gefängnis kam, sondern nur eine Geldstrafe erhielt, dachte ich: Was kann ich sonst noch tun? Ich kann Berufung einlegen. Und ich habe Anzeige gegen sie erstattet, obwohl das auch ein Risiko war, denn der Richter hätte eine härtere Strafe für mich fordern können. Ich verstand dies, aber gleichzeitig verstand ich auch, dass es für mich in der hypothetischen Zukunft, die früher oder später eintreten würde, schwieriger sein würde, die Leute, die mich verurteilt haben – meinen Richter, Ermittler, FSB-Offiziere – vor Gericht zu bringen, wenn ich keine Berufung einlegte. Ich beschloss, dass ich es trotzdem tun würde. Zu diesem Zeitpunkt war mir bereits klar, dass ich wirklich gehen musste, weil ich nicht anhielt. Mein Leben hat sich während der Ermittlungen und des Prozesses sehr verändert, ich habe mich verändert. Ich fand keine Möglichkeit mehr, in Russland zu bleiben. Es war buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Ich sage nicht, dass mich jemand körperlich zerstören wollte, es ist nur so, dass ich innerlich immer weniger Lust zum Leben hatte. Es war eine sehr schwierige Zeit, es war eine schwierige Entscheidung, aber ich habe mich darauf vorbereitet. Am 26. Oktober hatte ich eine Anhörung vor dem Berufungsgericht und am 1. November war ich bereits in Kasachstan. Alle meine Auswanderungsabenteuer waren nur dank der Menschen, die mich lieben und schon lange kennen, so wunderbar und sanft. Ich glaube, dass die Leute, die aus eigenem Antrieb gegangen sind – heute sind sie hier, und morgen ist unbekannt, wo, unbekannt, mit wem, unbekannt, was sie beruflich machen, unbekannt, überhaupt unbekannt – Asketen sind, weil sie das Land nur aufgrund einer moralischen Entscheidung verlassen haben. Sie haben mich doch rausgeholt. Meine Freunde haben mich wirklich sehr unterstützt, sodass ich nach meiner Abreise die Chance hatte, mich zu erholen. Dank der Freedom House Foundation bin ich hier gelandet.

Du bist Musiker, hast du hier die Möglichkeit, Musik zu machen?

- Vor einiger Zeit war dies das größte Problem. Ich habe alle drei meiner Instrumente mitgenommen. Es war schwierig, sie über alle Grenzen zu transportieren, aber als ich hier ankam, wurde mir klar, dass ich niemanden zum Spielen hatte. Ich bin ein Ensemblemensch, ich spiele sehr gern mit jemandem zusammen, weil im Ensemble eine ganz andere Musik entsteht, als wenn man mit sich und der Musik allein ist. Mit jemandem zu spielen ist ein Kontakt verschiedener Lebensströme. Ich habe das gemeinsame Musizieren sehr vermisst, aber erst vor Kurzem, vielleicht vor einem Monat, hat mich mein Freund, den ich hier kennengelernt habe, an die Hand zu einer Musik-Jam-Session genommen. Jeder konnte dorthin kommen. Ich habe Leute aus verschiedenen Ländern kennengelernt und habe jetzt ein kleines Ventil. Das ist eine Art Fantasie. An der letzten Jam-Session nahmen ein Amerikaner, ein Iraner, ein Inder, ein Weißrusse und ich teil. Es ist immer sehr lebendig, sehr frei. Das ist die Erfahrung, die mir lange gefehlt hat. Dies geschah in Tomsk, war aber schwieriger, weil russische Musiker, genau wie Russen im Allgemeinen, besondere Menschen sind. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, um zu lernen, frei zu sein und einfach das Leben zu genießen, zu genießen, was wir tun, die Musik zu genießen, einander zu genießen. Und ich spreche noch nicht einmal davon, dass vor uns ein Weg der Transformation unseres Landes und der Versöhnung liegt. Die Freude, von der ich spreche, kann man sofort erleben, denn sie hilft, nicht irgendwann später, wenn der Krieg vorbei ist, zu leben, sondern jetzt. Ich hatte eine solche Gelegenheit.

Wird der Krieg lange dauern?

- Oh, das ist eine schwierige Frage. Es ist klar, dass die Folgen noch lange anhalten werden, wenn die Menschheit sich nicht selbst zerstört, dann 50 Jahre und vielleicht sogar länger. Während ich hier lebte, hatte ich andere Gefühle. Zuerst schien es, als würde es lange dauern, aber jetzt scheint es aus irgendeinem Grund, als würde es ziemlich bald enden. Vielleicht möchten Sie einfach, dass alles ein Ende hat. Hier traf ich Menschen aus Weißrussland und der Ukraine, und von hier aus sieht der Krieg ganz anders aus als von Tomsk aus. Kurioserweise wurde der Krieg in Tomsk stärker wahrgenommen, weil man das Gefühl hatte, man könne ihn überhaupt nicht stoppen. Und hier habe ich mit Ukrainern gesprochen und festgestellt, dass es sehr schwierig ist, es ist fast unmöglich, man hat ständig Schuld- und Schamgefühle, es hindert einen daran, mit den Leuten zu reden, irgendwie zu leben und zu interagieren, aber es muss getan werden. Ich habe gesehen, wie Litauer, Ukrainer und Weißrussen mich als Russen behandeln, und mir wurde klar, dass auch ihre erste Reaktion sehr komplex ist. Das heißt, es ist für jeden schwierig, den anderen so zu akzeptieren, wie wir sind. Es ist schwierig, die Situation zu akzeptieren, weil unsere Länder im Krieg sind, aber wir versuchen es trotzdem. Man kann sagen, dass ich durch die Kommunikation mit Menschen aus verschiedenen Ländern persönlich dem Ende des Krieges näher komme. Ich möchte daran glauben und hoffe, dass der Krieg so schnell wie möglich endet. Um sich gegenseitig umzubringen, ist keine große Intelligenz erforderlich.

Wovor hast du am meisten Angst?

— Ganz einfach: Ich habe Angst um die Kinder. Es ist schwierig, darüber zu sprechen. Als der Krieg begann, wurde mir klar, dass die Zukunft meiner Kinder einfach zerstört war. Ich habe große Angst, dass Russland gewinnen wird. Nicht auf dem Schlachtfeld, obwohl das auch möglich wäre, aber ich glaube, das wird nicht passieren, sondern in dem Sinne, dass sie so bleiben wird, wie sie jetzt ist. Es ist sehr schmerzhaft zu erkennen, dass Ihr Land keine Zukunft hat. Ich möchte, dass sich Russland radikal verändert. Das ist wahrscheinlich meine größte Angst.

Was gibt Hoffnung?

– Ich kann „Gott“ sagen, aber das wäre zu allgemein. Ich glaube, was mir die meiste Hoffnung gibt, ist die Kommunikation mit Menschen. Wenn wir nicht über einige meiner persönlichen religiösen Vorstellungen sprechen, geben mir auch meine Lebenserfahrungen und einige Schlussfolgerungen über mich selbst Hoffnung. Menschen können sich ändern, aber Gott, manche nennen ihn das Universum, ist barmherzig. Die Welt kann einem Menschen gegenüber barmherzig sein, das ist wichtig. Und auch die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Menschen kennenzulernen, mit ihnen zu kommunizieren und man selbst zu sein, macht Hoffnung.

Samstag, 25. Juni 2022

Philosoph Nikolai Karpizki: „Wir brauchen eine Idee der Entimperialisierung“

Quelle: 24/02/2022. Очевидцы / 15.06.2022  https://ochevidcy.com/filosof-karpitskiy/

Nikolai Karpizki. ist ein Philosoph und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens aus Tomsk. Er sprach sich gegen die Kriege in Tschetschenien aus. Und gegen die kommunistische Ideologie. Verteidigte die Bhagavad Gita vor Gericht – erinnern Sie sich an den Aufsehen erregenden Prozess gegen das Buch? Seit 2015 lebt Nikolai Karpizki in der Ukraine. Seit drei Jahren lebe ich in Slawjansk, an dessen Stadtrand ich vor drei Jahren ein kleines Haus gekauft habe. Seit dem 24. Februar 2022 moderiert er die Chronik des Volkskrieges. Seine Fragmente sind zusammen mit der Geschichte von Nikolai Karpizki Teil des Projekts „Eyewitnesses“.

Foto aus dem persönlichen Archiv von Nikolai Karpizki

24. Februar 2022. Ukraine. Der erste Tag des Krieges. Mein erster Beitrag seit Kriegsbeginn. Hier auf Facebook schrieb ich am 9. Februar, dass Russland über genügend Streitkräfte verfüge, um der Ukraine einen vernichtenden Erstschlag zu versetzen und einen erheblichen Teil der Wirtschaft und des militärischen Potenzials zu zerstören, die Ukraine jedoch über genügend Streitkräfte verfüge, um mit der Invasion fertig zu werden. Also, ich glaube jetzt, dass auch der erste vernichtende Schlag nichts bringen wird…“

— Am 24. Februar war ich in Kiew. Ich wache morgens auf, schaue aus dem Fenster: Eine Sirene heult. Ich stieg in den Zug und kam in Slawjansk an. Ich begann, eine Chronik darüber zu führen, was Tag für Tag geschah. Die erste Reaktion war: Können wir dem Blitzkrieg standhalten oder nicht? Denn der Feind plant immer einen Blitzkrieg, keinen langwierigen Krieg. Wenn wir durchhalten, können wir über die Chancen der Ukraine sprechen. Nach drei Kriegstagen wurde klar, dass der Blitzkrieg gescheitert war und die zweite Phase des schrecklichen, blutigen Krieges begann. Was unweigerlich zur Vernichtung der Zivilbevölkerung führen wird.

27. Februar 2022. Ukraine. Der vierte Kriegstag. Tauwetter im Frühling. Die enormen Verluste an russischer Ausrüstung erklären sich auch damit, dass es nun unmöglich ist, über die Felder vorzurücken – die Hitze ist ungewöhnlich hoch, die Ausrüstung versinkt einfach im Schlamm. Man muss auf Autobahnen fahren und gerät in Hinterhalte. Die ukrainische Armee hat den ersten Schlag überstanden, und nun geht die Initiative langsam auf sie über...

— Als die Offensive begann, begann sich ein Bild der Welt abzuzeichnen. In den ersten drei Tagen wollten die Russen die Regierung chirurgisch stürzen. Zu gezielten Bombardierungen von Wohngebieten kam es bislang nicht... Doch als die Flüchtlinge aus Sewerodonezk, Rubeschnoje, Isjum und Lisitschansk evakuiert werden mussten, stellte sich heraus, dass gezielt auf die Busse mit den Flüchtlingen geschossen wurde. Dann wurde die Natur des Krieges klar. Kriege können zivilisiert oder Vernichtungskriege sein. Es ist klar, dass der Krieg in Tschetschenien und der Krieg in Syrien unzivilisiert waren. Dort wurden Städte zerstört. Es bestand jedoch die Hoffnung, dass diese Invasion rein politischer Natur war. Dass sie Städte und Militäreinheiten blockieren, es aber keine gezielte Vernichtung der Bevölkerung geben wird. Diese Hoffnung hatte ich drei Tage lang... Jetzt haben die Leute im Allgemeinen verstanden, mit wem sie es zu tun haben. Sie erkannten, dass dies ein Vernichtungskrieg war. Selbst diejenigen, die die Separatisten früher unterstützten, beobachten mit Entsetzen, was passiert.

1. März 2022. Ukraine. Sechster Kriegstag. Man kann sich die Situation so vorstellen, als hätte ein riesiger Schläger einen Teenager angegriffen, der, obwohl schwer verletzt, überlebte. Bugai erkannte, dass er mit einem stürmischen Angriff nicht gewinnen konnte, und sammelte nun, nachdem er die Lage eingeschätzt hatte, seine Kräfte für einen erneuten Angriff. Doch dann stellte sich heraus, dass dieser große Kerl in Wirklichkeit ein Berserker ist, der keinen Schmerz empfindet und nicht denken kann. Wäre es ein gewöhnlicher Diktator, wenn auch ein Sadist und Schurke, aber pragmatisch, dann wäre es nach erheblichen Verlusten für die Invasionsarmee möglich, mit ihm Frieden zu verhandeln. Doch wir haben es mit Putin zu tun, der von einem ganzheitlichen Weltbild ausgeht, in dem alles auf den Kopf gestellt ist – Böses wird als gut und Gutes als böse wahrgenommen. Diese Weltanschauung, deren wissenschaftliche Bezeichnung ich nicht kenne, wird im Christentum Satanismus genannt…

— Ich bin in Slawjansk geblieben, um die Situation von innen zu beschreiben. Ich versuche, nicht so viel über Ereignisse zu schreiben, weil jeder über Ereignisse schreibt. Ich versuche, ihren Kontext zu erklären. Und schreiben Sie über die Erfahrungen der Menschen. Wie man das erlebt, wie man damit umgeht. Wenn man in Ereignisse verwickelt ist, entwickelt man ein besonderes historisches Gespür, das einem ermöglicht, zu spüren, was real und was unmöglich ist … Ich beschloss, in Slawjansk zu bleiben, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich die Ereignisse abspielen. Genau jetzt, mitten in unserem Gespräch, knallt es.

14. März 2022. Ukraine. Der neunzehnte Kriegstag. Mehr als hundert Menschen waren beim Gottesdienst, viermal weniger als sonst. Der Prediger verglich die Ukraine, die um ihre Unabhängigkeit kämpft, mit dem Exodus der Juden, die vom Pharao verfolgt wurden. Der Glaube an Gott stärkt den Glauben an den Sieg der Ukraine ungemein. Dann brachten sie Flüchtlinge aus Sewerodonezk – viele Studenten, Kinder, alte Menschen. Die älteste Frau ist 82 Jahre alt. Sie versorgten uns mit Essen, brachten uns unter und brachten uns am nächsten Morgen zu den Evakuierungszügen. So kamen jeden Tag hundert Menschen. <…> Heute endeten die Feiertage, und ich hielt einen Vortrag über „Die Philosophie der menschlichen Kommunikation“. Zu Beginn der Vorlesungen wurden Informationen darüber ausgetauscht, wer sich wo und unter welchen Bedingungen aufhielt. Eine Studentin aus Lisitschansk hörte die Vorlesung aus einem Luftschutzbunker, sodass die Kommunikation mit ihr unterbrochen wurde. Ich widmete meine Vorlesung dem Thema Lügen, einschließlich derjenigen, die zum Krieg führten. Während ich mit den Studenten arbeitete, kam die Nachricht, dass auf einen der Busse der Kirche, in der ich gestern war, auf dem Weg von Isjum geschossen wurde…“.

— Ich lebe unter Ukrainern und habe eine emotionale Verbindung zu ihnen. Ich gehe durch die Straßen und zu Versammlungen. Hier gibt es eine evangelische Kirche, die sich an der Evakuierung von Flüchtlingen beteiligt. Ich treffe mich mit ihnen und schaue mir ihre Stimmungen an. Natürlich war der Beginn des Krieges in Kiew ein Schock; Die Menschen konnten die Realität nicht verstehen und sich nicht mit ihr abfinden. Es hat einige Zeit gedauert. Und manche Reaktionen waren naiv und seltsam. Wir könnten tagelang in der U-Bahn sitzen. Aber es ist klar, dass man, wenn der Krieg noch lange dauert, nicht die ganze Zeit in der U-Bahn sitzen wird. Sie müssen sich daran gewöhnen und ein normales Leben führen. Trotz der Bombenangriffe und Raketen. Als ich in Slawjansk ankam, stellte ich fest, dass die Menschen hier bereits daran gewöhnt waren. Sie hatten den Krieg bereits erlebt und blieben ruhig. Pragmatisch.

24. März 2022. Ukraine. Der neunundzwanzigste Tag des Krieges. Mit Kriegsbeginn brach die Welt zusammen. Das Unvermeidliche geschah. Es war, als ob ein Asteroid die Erde traf und über Nacht die gesamte vertraute Welt verschwand, zusammen mit der alltäglichen Kommunikation, der Arbeit, den Problemen und den kleinen Freuden. Nur Leere. Nach einiger Zeit ein neuer Schock. Es stellte sich heraus, dass es nicht nur Leere war, sondern Zerstörung, Leid und Tod. Schließlich kämpfen die Besatzer nicht nur mit der Armee...

— Was Medikamente betrifft, können Sie einfache Medikamente kaufen, aber sie sind nicht in jeder Apotheke erhältlich. Es fehlt immer etwas. Das Produktangebot in den Geschäften hat sich verdreifacht. Aber alles was man braucht ist da. Die Zahl der Menschen auf dem Markt hat sich um das Fünf- bis Zehnfache verringert, aber es sind immer noch Menschen da und handeln. Darüber hinaus sind verschiedene humanitäre Missionen im Einsatz. Sie bringen Hilfe. Das Problem liegt bei den öffentlichen Versorgungsunternehmen. Da sich die Wasserentnahmestelle im Dorf Majak befindet, das am nördlichen Donez liegt, wo die Russen vorrücken, ist eine Reparatur nicht möglich. Die Stadt ist seit der zweiten Woche ohne Wasser. Manche Leute haben Brunnen und irgendwo wird Wasser geliefert. Allerdings besteht derzeit keine Möglichkeit, das Wasser frei zu nutzen. Was die Elektrizität betrifft, sind Hochspannungsleitungen defekt und müssen repariert werden. Manchmal ist man ein oder zwei Tage ohne Strom. Das Schwierigste ist das Unbekannte, denn es gibt kein Internet, keine Verbindung und man weiß nicht, welche Gefahr droht.

29. März 2022. Ukraine. Der vierunddreißigste Tag des Krieges. Das Moskauer Königreich und später das Russische Reich führten ununterbrochen Eroberungskriege und rechtfertigten dies mit der überbewerteten Idee der Landnahme. Diese Idee wurde uns in der Schule eingetrichtert, und viele akzeptieren sie immer noch standardmäßig. Der Kern dieser Idee besteht darin, den Wert eines unabhängigen Lebens für Menschen außerhalb Russlands zu leugnen. Die Geschichte hat oft Imperien, Diktaturen und Tyranneien gesehen, die wie Russland Eroberungskriege führten. Natürlich ist das böse, aber es ist ein soziales und menschliches Übel, aber noch nicht religiös oder metaphysisch. Als 1999 der militärisch-tschekistische Putsch in Russland stattfand, veränderte sich die Ideologie der Landnahme. Wurde früher das unabhängige Leben der Nationen abgewertet, aber nicht als böse angesehen, so wird heute die gesamte umgebende Welt, die sich der Eingliederung in den russischen Einflussbereich widersetzt, als feindlich und der Zerstörung preisgegeben wahrgenommen…

- Ich versuche, die Gefahr einzuschätzen. Und ich bewerte das so: Raketenangriffe ignoriere ich einfach und Sirenen schenke ich überhaupt keine Beachtung. Ich habe einen Keller in meinem Garten, aber er ist nicht ausgestattet. Dort zu sitzen ist überhaupt keine Option. Die Wahrscheinlichkeit, von einer Rakete getroffen zu werden, ist vergleichbar mit der eines Autounfalls in einer Stadt mit viel Verkehr. Dem kann man nicht entgehen.

6. April 2022. Ukraine. Der 42. Tag des Krieges. Es kam der Moment, als mich das Kanonade zu beruhigen begann. Ich kann schon am Gehör erkennen, wann unsere Leute die Besatzer schlagen. Nach dem, was gestern gehört wurde, sind die Kämpfe auf dem Weg nach Slawjansk verzweifelt...

— Der Sieg der Ukraine im Krieg hängt von westlichen Waffen ab. Die sowjetischen Waffen, die es gab, sind leider bereits verschwunden. Die ersten Siege der Ukrainer waren darauf zurückzuführen, dass es damals noch genügend Waffen gab. Jetzt ist es aufgebraucht. Aber die russischen Reserven sind nicht begrenzt... Wenn es ein Leih- und Pachtgesetz gibt, dann ist alles Notwendige hier. Die ukrainische Armee ist mobilisiert, sie ist der russischen überlegen und nicht eingekesselt. Und niemand wird Soldaten als Kanonenfutter im Stich lassen. Wenn Russland die gesamte Ukraine erobern würde, würde diese gesamte Armee den Partisanen zur Hilfe kommen. Natürlich hätte Russland verloren, aber die Ukraine hätte enorme Verluste erlitten. Wenn Waffen kämen, wäre es nicht nötig, einen solchen Preis zu zahlen.

28. Mai 2022. Ukraine. Der vierundneunzigste Tag des Krieges. Gestern gab es keinen Strom, ich schrieb, bis der Laptop-Akku leer war, heute habe ich die Arbeit beendet. Der erste Teil bezieht sich also auf gestern. Diese Woche wurde die Region Donezk endgültig vom Gas abgeschnitten. Am Morgen gaben sie uns Wasser, damit wir duschen konnten. Bei Beschuss oder Sirenenlärm fühlt man sich zunächst seltsam, aber dann wird es einem gleichgültig. Es gibt immer noch kein Licht. Ich schreibe, bis der Akku leer ist. Ich bin durch die Stadt gefahren. Es sind nur wenige Menschen dort, und die Geschäfte funktionieren ohne Strom nicht. Ich liebe es, mit dem Fahrrad aus der Stadt zu fahren. Es gibt dort wunderschöne Orte, die wir nicht den Orks überlassen können. Aber jetzt kann man nicht dorthin fahren, dort herrscht Krieg. Es knallt die ganze Zeit. Ich habe im Hof ​​Kartoffeln über dem Feuer gekocht – das erste Mal. Ich habe noch keine Erfahrung damit, aber ich denke, ich werde mich daran gewöhnen …

„Ich weiß, dass es in Russland Aufrufe zu Kundgebungen gab – das ist dasselbe wie die Proteste in der Sowjetunion gegen den Afghanistan-Krieg … Aber jeder kann an seiner Stelle verfassungswidrige Entscheidungen sabotieren.“ Und zum zweiten Punkt. Ohne eine klare Vorstellung davon, was erreicht werden soll, kann das Ziel nicht erreicht werden. Eine solche Idee wurde bisher nicht formuliert. Einen schlechten Präsidenten durch einen guten zu ersetzen, wird nichts ändern. Wir brauchen eine Idee der Entimperialisierung. Ablehnung der imperialen Regierungsform. Diese Idee muss vermittelt werden. Dies ist durchaus möglich und realistisch.