Donnerstag, 11. Dezember 2025

Klaus Robra. Die Analysen des russischen Philosophen Nikolai Karpizki. Auszug aus dem Buch „Warum hört der seit 2022 in der Ukraine tobende Krieg nicht auf? München, GRIN Verlag, 2025“

Die Analysen des russischen Philosophen Nikolai Karpizki, die dieser in seiner Ende 2024 verfassten Studie ‚Warum Russland die Sterbewilligen nicht ausgehen‘ 13 vorgelegt hat, legen tiefer liegende Ursachen und Gründe des Krieges frei. Ursachen und Gründe bewirken neue Gründe. Der Krieg ist zugleich Ursache, Wirkung und Grund.

Die Sicht des Westens auf diesen Krieg ist, wie Karpizki erklärt, durch enttäuschte Erwartungen getrübt. Schon 2022 erwartete man, dass Russland sich wegen seiner hohen Verluste zurückziehen würde, was aber nicht geschah. „2024 erwartete man dann, dass den Russen wegen riesiger Verluste die kampffähigen Soldaten ausgehen würden. Auch das hat sich nicht erfüllt.“ (Karpizki a.a.O.)

Die solcherart enttäuschten Erwartungen veranlassen den Autor zu einer Reihe von Fragen, mit denen er u.a. Putins wahren Motiven auf die Spur kommen will. Die Fragen:

„Wie kann die russische Führung ohne Rücksicht auf Verluste ihre Soldaten verheizen?

Wo findet die russische Armee immer neue Vertragssoldaten, obwohl sie bekanntermaßen oft in selbstmörderische Angriffe geschickt werden?

Warum machen Russlands Soldaten keinen Aufstand oder ergeben sich in [ukrainische] Kriegsgefangenschaft?

Wieso steht die russische Gesellschaft den enormen militärischen Verlusten scheinbar so gleichgültig gegenüber und unterstützt weiterhin den Krieg?“

Den Hauptgrund hierfür sieht Karpizki in der Tatsache, dass es in Russland sogar Akzeptanz für sinnlosen Tod gebe. Für diese Akzeptanz nennt er zwei Ursachen: 1. Im Laufe der Geschichte sei es den Russen immer wieder gelungen, „Kriegssiege durch Masse“ zu erringen, d.h. die eigene, großenteils unter Armut und Rechtlosigkeit leidende Bevölkerung als „Verbrauchsmaterial“ zu benutzen. So z.B. schon im Zarenreich. Gesteigert im heutigen Russland, in dem man einen „Todesstaat“ bzw. ein „Antisystem“ errichtet habe. „Todesstaat“ oder „Ökonomie des Todes“: Einnahmen aus Öl und Gas sichern „den pekuniären Wohlstand für Familienangehörige der gefallenen Soldaten“ (a.a.O.). Dabei sei eine Unterstützergruppe entstanden, die angeblich 10mal größer als die Anzahl der in der Ukraine eingesetzten russischen Soldaten sei. Und davon profitierten erstmals auch die ärmeren Schichten, die im Gegenzug den ständigen Zustrom von Freiwilligen an die Front sichern, was für diese Freiwilligen oft die einzige Möglichkeit sei, sich vor dem völligen sozialen Abstieg und Ruin zu retten. Durch all dies werde in Russland jeglichem Protest gegen den Krieg die Grundlage entzogen.

Soldaten in den Tod zu schicken, wird somit für viele zum profitablen Geschäft. Man schickt Soldaten rücksichtslos in überaus gefährliche (Nahkampf-)Aktionen bzw. in den sicheren Tod, um damit Geld zu verdienen! Das bedeutet: „Je häufiger die Truppen erneuert werden, desto mehr Möglichkeiten gibt es, an ihnen zu verdienen. So entsteht ein System, in dem die Armee zunächst ihre eigenen Soldaten und erst danach die Soldaten des Feindes eliminiert. Außerdem gibt es in der russischen Bevölkerung kaum Mitleid mit den Freiwilligen, das macht die Gesellschaft unempfindlich gegenüber militärischen Verlusten. Und für den Staat bedeutet der Tod von Soldaten an der Front niedrigere soziale Kosten. Denn Tote brauchen keine medizinische Versorgung und keine soziale Unterstützung.“ (a.a.O.)

2. Eine zweite Ursache für den „Krieg als Selbstzweck“ sieht Karpizki in einer in Russland vorherrschenden, besonderen Haltung zu Leben und Tod; beruhend auf einem Weltbild, „in dem alles, was geschieht, durch die Anwesenheit eines Feindes erklärt wird, der das Ur-Böse verkörpere“. Womit man auch jedes an Feinden verübte Verbrechen rechtfertige. Nicht mehr Moral, sondern Amoralität werde zur Tugend.

Dem entsprechen in Russland seit altersher zwei unterschiedliche Weltbilder, die des Manichäismus und des Gnostizismus. Im ersten geht es um den andauernden Kampf zwischen Gut und Böse, im zweiten um das Postulat der völligen Sinnlosigkeit allen Seins, da das Ganze durch einen „bösen Gott“ entstanden und daher wertlos sei. Auch im orthodoxen Christentum führte der Manichäismus zu Diskrepanzen und Exzessen, wie z.B. in kollektiven Selbstverbrennungen.

Im Bolschewismus verbanden sich Manichäismus und Klassenkampf, was einerseits sogar zur Rechtfertigung des Stalinismus, andererseits zum utopischen Traum von absoluter kommunistischer Freiheit beitrug. Inzwischen sei der Manichäismus allgemein durch den Gnostizismus abgelöst worden; und dies, obwohl es auch im heutigen Russland selbstverständlich noch unterschiedliche Weltanschauungen und Denkweisen gibt. Aber: Durch den Gnostizismus wird alles bedeutungslos und sinnlos; und nur dies sei anzuerkennen, folglich auch das sinnlose Sterben.

Dennoch ist zu fragen, warum sich Russen weiterhin freiwillig zum Kriegseinsatz in der Ukraine melden. Grund, laut Karpizki: Wer in bitterer Armut und ständiger Frustration lebt, nichts mehr zu verlieren hat, nimmt auch den Tod nicht mehr als Übel wahr. Die Stimmung wird „nekrophil“, dem Tod freundlich gesonnen. Volle Wertschätzung gewinnt, wer bereit ist, im Krieg zu sterben. Und da es in Russland Millionen solcher Leute gebe, ende nie der Zustrom sterbewilliger Freiwilliger.

Wenn sich soziale Nekrophilie mit gnostischem Fatalismus verbindet, entsteht der sogenannte „russische Fatalismus“. Und: „Genau dieser Fatalismus führt dazu, dass russische Soldaten in sinnlosen Angriffen in den Tod gehen, anstatt sich gegen ihre Kommandeure aufzulehnen, die von ihrem Tod profitieren.“ (a.a.O. S. 8)

Eher kurz und knapp behandelt Karpizki schließlich die Frage, wie die russische Armee in der Ukraine wirksam bekämpft bzw. aufgehalten werden könne. Der Nachteil der Ukraine und des sie unterstützenden Westens: Man verfüge nicht über die nekrophilen Mobilisierungsmechanismen der Russen. Hinzu komme die Gefahr, dass eines Tages „die besseren Waffen der NATO aufgebraucht sind und die russische Armee weiter mit neuen Freiwilligen kämpfen kann“ (ebd.). Schon deswegen komme es darauf an, neue Militärstrategien gegen Russland zu entwickeln, so z.B. durch den Einsatz von „Drohnen, Robotern und künstlicher Intelligenz“ (ebd.). Dann könnten die ukrainischen Soldaten „an der Front zunehmend technisch ersetzt werden“ und „Russland seinen einzigen Vorteil gegenüber zivilisierten Ländern verlieren.“ Karpizkis Schlusssatz: „Und bis dahin muss der Ukraine dabei geholfen werden, diese gefährlichste Zeit zu überstehen und Europa vor einer russischen Invasion zu schützen.“ (ebd.)

Karpizkis Analysen lassen sich in folgenden Kernsätzen zusammenfassen:

1. Enttäuschte Erwartungen des Westens: Russland zieht sich trotz enormer Verluste nicht zurück.
2. In Russland gibt es Akzeptanz für sinnlosen Tod.
3. In Russland hat man einen „Todesstaat“ bzw. ein „Anti-System“ etabliert.
4. „Dabei sei eine Unterstützergruppe entstanden, die angeblich 10mal größer als die Anzahl der in der Ukraine eingesetzten russischen Soldaten sei.“
5. „Soldaten in den Tod zu schicken, wird … für viele zum profitablen Geschäft.“
6. „Nicht mehr Moral, sondern Amoralität werde zur Tugend.“
7. „Durch den Gnostizismus wird alles bedeutungslos und sinnlos; und nur dies sei anzuerkennen, folglich auch das sinnlose Sterben.“
8. „Volle Wertschätzung gewinnt, wer bereit ist, im Krieg zu sterben. Und da es in Russland Millionen solcher Leute gebe, ende nie der Zustrom sterbewilliger Freiwilliger.“
9. „Wenn sich soziale Nekrophilie mit gnostischem Fatalismus verbindet, entsteht der sogenannte »russische Fatalismus«.“
10. Es komme darauf an, gegen Russland neue Militärstrategien zu entwickeln, so z.B. durch den Einsatz von „Drohnen, Robotern und künstlicher Intelligenz“.

Mittwoch, 15. Januar 2025

Nikolai Karpizki. Russland bereitet sich auf einen Krieg mit der NATO vor. Dies sind die Trümpfe des Kreml und des Westens



Der zukünftige Krieg mit der NATO ist ein Projekt geworden, das bereits offiziell von der russischen Regierung akzeptiert ist. Der Verteidigungsminister Andrei Belousow sagte am 16. Dezember, sein Ministerium bereitet sich auf einen möglichen Krieg zwischen Russland und der NATO in Europa seit 2024 vor. Das Niveau der Militärausgaben beträgt fast ein Drittel des Bundeshaushalts. Solche Ausgaben deuten eins: Der Kreml nimmt einen langen Krieg in Kauf. Grundsätzlich sind die Kriege nicht rentabel, doch die Diktatoren denken anders. Für sie gleicht das Geld der Macht. Und diese Macht kann man nicht nur mit Geld, sondern auch mit militärischer Stärke verstärken. Dies entspricht Putins Temperament. Wenige Tage nach Belousows Erklärung sagte er, ohne Krieg ist das Leben langweilig. Der russische Präsident als ein subjektiver Faktor, der die Welt in den Dritten Weltkrieg treibt. Aber gibt es objektive Umstände, die für den Ausbruch des Krieges sprechen?

Kann Russland wirklich nicht einen Krieg mit anderen Ländern führen, weil es in der Ukraine feststeckt?

Die Optimisten sagen, dass es genau deswegen niemanden anders angreifen kann. Deshalb hat Russland auch Syrien für immer verloren. Tatsächlich wird es wahrscheinlich unmöglich sein, Syrien zurückzugewinnen, zumal die Türkei und Israel dort bereits aktiv intervenieren. Dazu, nach dem Fall des Assad-Regimes, ist auch die damit verbundene Logistik verloren gegangen. Wenn die Optimisten recht haben, wird Russland auch bald Afrika verlassen müssen. Sie können sich auch irren, aber. Was wäre, wenn der Einfluss des Kreml sich in Libyen hält und zusätzliche Kräfte für militärische Operationen in Afrika finden könnte?

Hier ist ein historisches Beispiel, August-September-Wende 1941. Die sowjetische Armee erlitt an der Front eine beispiellose Niederlage. Die Schlacht um Moskau steht bevor. Eine Chance, die Hauptstadt zu halten, ist zweifelhaft. Wer hätte gedacht, dass die Sowjetunion in diesem Moment die Stärke haben würde, den Iran anzugreifen und die nördlichen Provinzen dort zu besetzen? Vor nicht so langer Zeit hofften auch viele, wenn Russland in Syrien feststeckt, es anderswo nicht kämpfen könne. Doch der Krieg in Syrien ermöglichte es, eine Kriegsmaschinerie für den Angriff auf die Ukraine aufzubauen. Die Tatsache, dass Russland jetzt nicht genügend Ressourcen für einen neuen Krieg hat, sollte nicht beruhigend sein. Wenn die Maschinerie bereits existiert, wird sich früher oder später Treibstoff dafür finden können. Die russische Armee ist derzeit durch den Krieg in der Ukraine eingeschränkt. Jedoch wird es mit ihrer Möglichkeit, die Reserven zu mobilisieren, immer noch möglich, in der Zukunft den Krieg auf die anderen Länder zu verbreiten.

Im Jahr 2022 hat Russland alle seine kampfbereiten Militäreinheiten in die Ukraine geschickt. Aufgrund dessen war der Kreml tatsächlich nicht in der Lage, einen weiteren Krieg zu führen, nirgendwo anders. Außerdem hat Russland in der Ukraine einen erheblichen Teil seiner modernen Ausrüstung verloren und musste auf alte Taktiken aus dem Ersten Weltkrieg mit Artillerie- und Infanterieangriffen zurückgreifen. Dieser Fakt bringt die Optimisten in den Glauben, die russische Armee sei erschöpft. Sie wird mehrere Jahre benötigen, um sich auf einen Krieg mit den NATO-Ländern vorzubereiten. Ich bin anderer Meinung.

Bereits während des Krieges in der Ukraine hat die russische Armee mehrmals die Anzahl der kampfbereiten Einheiten erhöht und das Problem mit den Geschossen gelöst. Der Wiederaufbau der Flotte moderner Panzer und anderer Ausrüstungen hat keine besondere Bedeutung, da diese Ausrüstungen in den ersten Monaten des Krieges mit der NATO ohnehin zerstört würden. Die Kämpfe im Donbass zeigen, dass die russische Armee in der Lage ist, Infanterieangriffe auch ohne Unterstützung durch moderne Ausrüstung durchzuführen.

Man muss nicht nur die militärische Stärke berücksichtigen, sondern auch die Funktionalität der Militärmaschinerie. Das, wofür sie bestimmt ist. Ein Bulldozer ist mächtiger als ein Auto, verliert aber in einem Wettrennen gegen diesen. Genauso ist es mit dem Militär. Die mächtigste Armee, die für die Offensive geschaffen wurde, kann in der Verteidigung kläglich versagen. Wie es das Scheitern der sowjetischen Armee in den ersten Monaten des Krieges gegen das nationalsozialistische Deutschland zeigte. Die NATO hat qualitativ bessere Armeen als Russland. Diese sind aber für kurze, lokale Kriege und im Moment nicht für einen kontinentalen Zermürbungskrieg geeignet. Ursprünglich wurde die russische Armee von 2022 ebenfalls ähnlich konzipiert. Doch das Konzept ging nicht auf. Der Blitzkrieg hat nicht geklappt. Nach dem Scheitern waren die Russen gezwungen, sich zurückzuziehen und neu zu organisieren. Hätten die westlichen Länder der Ukraine in diesem Moment genügend militärische Hilfe geleistet, hätte der Krieg schon damals enden können. In der Verschnaufpause haben die russischen Behörden eine neue Kriegsmaschinerie aufgebaut, die für einen großangelegten kontinentalen Zermürbungskrieg geeignet ist.

Der Staatsapparat im Krieg

Die westlichen Länder leben noch immer im Friedensmodus, und ihre Armeen sind nur ein Teil der staatlichen Struktur. In Russland ist es genau das Gegenteil. Der Staat selbst ist zu einem Teil der Struktur der Armee und der Geheimdienste mutiert worden. Das bedeutet, dass die Armee in Friedenszeiten nur eines der Instrumente des Staates ist. In Kriegszeiten wird der Staat zu einem Teil der Militärmaschinerie. Alle staatlichen und öffentlichen Institutionen – die Massenmedien, Gerichte, Regierungs- und Kommunalbehörden, das Sozialsystem und die Industrie – werden auf die Unterstützung der kämpfenden Armee umgestellt und können in Friedenszeiten nicht mehr normal funktionieren.

Der Mechanismus des Funktionierens der russischen Militärmaschinerie wird durch die Art der Geldverteilung bestimmt. Bis 2022 war der Staat ein Anhängsel oder Ballast der Monopole, die mit natürlichen Ressourcen handelten und ihre Einnahmen in westlichen Ländern aufbewahrten. Was nicht mehr möglich ist aufgrund der Sanktionen. Was dazu führte, dass die staatlichen Einnahmen zuerst für die militärische Produktion und die Bezahlung von Vertragssoldaten verwendet und dann in Regionen mit verarmter Bevölkerung investiert wurden, die zuvor unter mangelnder Finanzierung litten. Dies schafft eine soziale Basis für die Unterstützung des Krieges. Die Armut treibt die Menschen in solch großer Zahl dazu, sich als Vertragssoldaten zu melden, dass keine Zwangsmobilisierung erforderlich ist. Da der Tod von Vertragssoldaten kein Mitgefühl weckt, ignorieren die meisten Menschen in Russland den Krieg einfach. 

Wenn jedoch der Krieg enden würde, müsste die Wirtschaft in den Friedensmodus übergehen. Die Finanzströme in den armen Regionen würden aufhören. Ein demokratisches Land könnte Geld in den Wiederaufbau der Industrie und den sozialen Schutz der Bevölkerung investieren. Nicht aber eine Diktatur, die ihr Land immer ausgeraubt hat. Die Menschen haben sich jedoch bereits an das neue Einkommensniveau gewöhnt, dessen Verlust massiven, spontanen Zorn mit unvorhersehbaren sozialen Konsequenzen verursachen würde. Dazu muss man mit Hunderttausenden Menschen rechnen, die von der Front zurückkehren. Diese wurden während des Krieges moralisch deformiert und haben die Fähigkeit zum normalen sozialen Leben verloren. Sie werden Privilegien fordern und ihren Hass auf andere auslassen.  Diese Umstände, wenn der Krieg in der Ukraine auf irgendwelche Weise beenden sein sollte, werden das Russland von der Wahl stellen: entweder in einen Zustand der Instabilität zu geraten oder einen neuen Krieg zu beginnen.

Derzeit ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs des Dritten Weltkriegs aufgrund mehrerer Umstände noch äußerst gering. Erstens möchte die russische Führung, während die russische Armee im Donbass vorrückt und die gesamte Ostfront bedroht, nicht durch andere Frontabschnitte abgelenkt werden. Wenn sie nicht einmal Truppen vom Donbass in die angegriffene Region Kursk verlegt hat, wird sie wahrscheinlich auch nicht für militärische Operationen gegen die NATO-Länder umleiten.

Zweitens wird Putin keine radikalen Maßnahmen in einer unsicheren Situation ergreifen, während Donald Trump absichtlich eine Atmosphäre der Unsicherheit schafft. 

Drittens, welche Strategie wird China wählen, weiß man auch nicht genau. Einerseits bauen sie ihre militärische Macht auf und drohen Taiwan, andererseits streben sie nach einem technologischen Durchbruch, der es ihnen ermöglicht, die Wirtschaftskrise auf friedlichem Wege zu überwinden.

Viertens ist es unmöglich, an einem Weltkrieg ohne Verbündete teilzunehmen. Derzeit gibt es auf der Welt nur noch zwei Länder mit imperialen Ambitionen, die versuchen, ihren Einfluss auf andere Länder mit militärischer Gewalt auszudehnen – Russland und den Iran (was macht sie zum natürlichen Verbündeten). Nach der Niederlage der Hisbollah im Libanon durch Israel und dem Sturz des Assad-Regimes sind die imperialen Pläne des Iran jedoch gescheitert, was bedeutet, dass Russland im Falle eines Dritten Weltkriegs ohne Verbündete dastehen würde.

Gibt es einen Grund, warum die NATO-Staaten eine russische Invasion fürchten sollten?

Ich glaube nicht, dass Russland in der nahen Zukunft eine Bedrohung für die NATO-Länder darstellen könnte. Die Zukunft ist jedoch unvorhersehbar und die Situation könnte sich ändern, wenn die NATO-Staaten sich nicht auf einen Krieg mit Russland vorbereiten. Vor diesem Hintergrund sollten wir uns überlegen, ob Russland erfolgreich einen Krieg gegen sie führen könnte, wenn es im Falle eines Waffenstillstands mit der Ukraine Hunderttausende von Soldaten freisetzen würde. Zu diesem Zweck schlage ich vor, die hypothetische Situation eines Krieges zwischen Russland und der NATO zu untersuchen, anhand des Verlaufs des russisch-ukrainischen Krieges. Nützlich dabei werden die Erfahrungen des besten militärischen Analysten der Ukraine – Walerij Saluschnyj. Dank seines militärischen Talents gelang es, 2022 die Russen aus Cherson und der Region Charkiw zu vertreiben.

Am 1. November 2023 schrieb Walerij Saluschnyj einen programmatischen Essay im Magazin The Economist. Darüber, dass Russland die Ukraine in einen Stellungskrieg verwickelt hat. Womit die Russen Oberhand gewonnen haben. Um den Lauf der Dinge zu ändern, muss die Ukraine zu einem Bewegungskrieg übergehen, wozu sie jedoch in fünf vorrangigen Bereichen die Überlegenheit erlangen muss. Ich denke, dies gilt auch für andere Länder, die Russland angreifen könnte.

Der erste Schwerpunkt ist die Luftwaffe. Das heißt, die Kontrolle über den Luftraum für großangelegte Bodenoperationen. Hier ist Russland der Ukraine weit überlegen, aber die NATO-Länder hätten im Falle eines Krieges mit Russland einen enormen Vorteil. Einige Aufgaben der bemannten Luftfahrt werden derzeit von Drohnen übernommen, die sowohl von der Ukraine als auch von Russland aktiv entwickelt werden, aber Russland hat in diesem Bereich größere Produktionskapazitäten.

Der zweite Schwerpunkt ist die elektronische Kampfführung (EloKa). Diese dient der Störung der Kommunikations- und Navigationssignale des Feindes. In diesem Feld hat Russland in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht. Seit 10 Jahren wurde dieses Sachgebiet modernisiert. Dabei entsandte sogar eine neue Militärabteilung, zusätzlich wurden 60 neue Arten von Ausrüstungen entwickelt. Währenddessen hat die Ukraine gerade erst damit begonnen, solche Kräfte aufzubauen. Bei diesem zweiten Parameter hat Russland also erneut die Oberhand, könnte diese jedoch verlieren, da die Informationstechnologien der NATO-Länder deutlich fortschrittlicher sind. Daher könnten die NATO-Länder in Zukunft auch in diesem prioritären Bereich im Vorteil sein, insbesondere angesichts der Entwicklung der künstlichen Intelligenz.

Der dritte Schwerpunkt ist das Gegenbatteriefeuer, also die Bekämpfung der feindlichen Artillerie. Hier hat Russland nicht nur gegenüber der Ukraine, sondern auch gegenüber den NATO-Ländern einen Vorteil, die zwar Geschosse von besserer Qualität, diese jedoch nicht in ausreichenden Mengen produzieren. Kamikaze-Drohnen, die sowohl von der Ukraine als auch von Russland aktiv eingesetzt werden, haben teilweise die Aufgaben der Artillerie übernommen.

Der vierte Schwerpunkt (den Walerij Saluschnyj hervorhebt) ist die Technologie zur Räumung von Minenfeldern des Feindes, um effektive Angriffe durchzuführen. Jedoch kommt hier noch eine Sache dazu. Nachdem die ukrainische Armee in die Defensive gegangen ist, stellte sich heraus, dass sie äußerst begrenzte Möglichkeiten hat, selbst Minenfelder zu legen, um die feindliche Infanterie aufzuhalten. In diesem vorrangigen Bereich versagen nicht nur die Ukraine, sondern auch andere europäische Länder. Diese haben die Konvention über das Verbot von Antipersonenminen unterzeichnet und dementsprechend ihre Bestände zerstört. Wie sollen sie dann die Angriffe der russischen Infanterie aufhalten? Glücklicherweise sind die USA dieser Konvention nicht beigetreten. Wird aber die Entscheidung, Minen nach Europa zu liefern, rechtzeitig getroffen, trotz rechtlicher und bürokratischer Schwierigkeiten?

Der fünfte Schwerpunkt ist der Aufbau eigener Reserven. Russland hat einen Mechanismus zur Auffüllung der Armee ohne Zwangsmobilisierung geschaffen und baut langsam die Anzahl der kampfbereiten Einheiten auf. Von denen gibt es bereits genug, um die ukrainische Verteidigung an verschiedenen Frontabschnitten zu durchbrechen, jedoch immer noch zu wenig, um den dauerhaften Erfolg aufzubauen, daher ist die russische Offensive langsam. Nach Schätzungen der Militärführung, die von Walerij Saluschnyj Ende 2023 bestätigt wurden, müssen 450.000 bis 500.000 Reservisten mobilisiert werden, um den Bedarf der ukrainischen Armee für das Jahr 2024 zu decken. Die Mobilisierung wurde jedoch spät und mit großen Problemen durchgeführt, sodass die Zahl derjenigen, die die ukrainische Armee verstärkten, weit unter den Erwartungen lag. Einer vor Gründen, warum sich das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld im Jahr 2024 langsam zugunsten Russlands verschoben hat. Die Situation verschlechtert sich noch mehr durch das Gesetz Nr. 8109 vom 18. Oktober 2022, das die Wehrpflicht während des Kriegsrechts abschafft. Das bedeutet, dass Russland in diesem prioritären Bereich eine absolute Überlegenheit gegenüber der Ukraine hat und ich denke, dass sie dieselbe Überlegenheit gegenüber den NATO-Ländern im Falle einer militärischen Auseinandersetzung haben wird.

Das bedeutet, dass die Ukraine im Jahr 2024 in keinem der von Walerij Saluschnyj genannten prioritären Bereiche die Oberhand hatte, was den Erfolg der russischen Armee erklärt. Er berücksichtigte jedoch einen anderen Bereich nicht – die Qualität der Truppenführung. Nach der Absetzung von Saluschnyj als Hauptkommandant der ukrainischen Armee kam es zu einer Führungskrise im Militär, die bis heute nicht überwunden wurde und zu tragischen Situationen an der Front führt.

Im Falle eines Krieges zwischen Russland und den NATO-Ländern wird Russland in mindestens drei prioritären Bereichen die Oberhand haben. In der Ersten jedoch nicht. Da werden die NATO-Länder eine absolute Überlegenheit haben, und das gilt nicht nur für die Luftfahrt, sondern auch für präzise Raketensysteme. Das kann ausreichend sein, um Russland einen ersten, vernichtenden, entwaffnenden Schlag zu versetzen, der zum Sieg führen könnte. Aber was, wenn die NATO-Länder nach diesem ersten Schlag einen Waffenstillstand eingehen und Verhandlungen mit Russland aufnehmen, um zum Vorkriegszustand zurückzukehren? In diesem Fall wird sich Russland von dem Schlag erholen und die NATO in einen Stellungskrieg verwickeln. Dabei werden diese drei prioritären Bereiche auf seiner Seite sein, mit der absoluten Überlegenheit. Minen und Artillerie, aber was am wichtigsten ist, die unerschöpflichen Reserven für die Armee. Wenn der Krieg andauert, wird die fortschrittliche Technologie erschöpft sein und die Masse der Soldaten auf dem Schlachtfeld wird über alles entscheiden, so wie es derzeit an den Fronten der Ukraine geschieht.

Russland hätte (sowohl 2022 als auch 2023) in der Ukraine gestoppt werden können, aber es gab nicht genug politischen Willen der westlichen Länder, dies zu tun. Wenn sich der Krieg auf die NATO-Länder ausweiten sollte, könnte eine Möglichkeit entstehen, Russland zu besiegen. Es wird aber vor den westlichen Ländern genau diesen Willen verlangen, den sie bisher nicht gezeigt haben. Was Putin tun will, weiß niemand, er selbst auch nicht. Er ist jetzt nicht bereit für einen Krieg mit der NATO. Was nicht heißt, er vorbereitet sich nicht darauf. Der russische Diktator beobachtet genau das Verhalten der westlichen Führer. Wenn sie Entschlossenheit zum Sieg zeigen würden, anstatt auf einen vorübergehenden Waffenstillstand zu setzen, wird er die NATO-Länder nicht angreifen. Genauso wie er die Ukraine nicht angegriffen hätte, wenn er eine starke Bewegung des Westens zu ihrer Verteidigung zu sehen bekäme.

Übersetzung von Michal Talma-Sutt.


Nikolai Karpizki. Warum Russland die Sterbewilligen nicht ausgehen

Quelle: Dekoder. 07.06.2025
URL: https://www.dekoder.org/de/article/russland-krieg-freiwillige-kultur/


Während die ganze Welt aufmerksam den Personalmangel der ukrainischen Armee und die Schwierigkeiten der Mobilisierung in der Ukraine verfolgt, scheint Russland immer weiter Nachschub für seine Frontstellungen und Angriffe auf die Ukraine rekrutieren zu können.

Erklären kann man sich das einerseits durch das repressive Kreml-Regime, das keine Widerworte duldet, andererseits mit verlockend großen Geldsummen für die Kämpfenden und ihre Angehörigen. Der Postpravda-Autor Nikolai Karpizki sucht indes nach einer Erklärung in dem zugrundeliegenden Weltbild und der vorherrschenden Haltung zu Leben und Tod, speziell in entlegeneren und weniger privilegierten Regionen Russlands.  


Karpizki ist Doktor der Philosophie und Religionswissenschaftler aus Tomsk (Sibirien), lehrte in Kyjiw und Charkiw, war seit 1995 Mitglied der Antikriegsbewegung. 2015 emigrierte er in die Ukraine, aktuell lebt und arbeitet er im ukrainischen Slowjansk (Oblast Donezk), das andauernd Ziel russischer Angriffe ist. Seine Forschungsschwerpunkte und Lebenserfahrungen schlagen sich in dem Meinungsstück zum Thema Krieg als Selbstzweck nieder.


Original 5. Dezember 2024 von Nikolai Karpizki auf PostPravda.info. 05.12.2024
Übersetzung von Michal Talma-Sutt (PostPravda)   


Im Jahr 2022 überwog noch die Erwartung, dass sich die russische Armee zurückziehen würde, wenn sie schweren Schaden erlitte. Das ist nicht passiert.  

2024 erwartete man dann, dass den Russen wegen riesiger Verluste die kampffähigen Soldaten ausgehen würden. Auch das hat sich nicht erfüllt.  

Nun heißt es: Russland bräuchte nach Beendigung der aktuellen Kampfhandlungen mehrere Jahre, um seine Armee für einen neuen Krieg zu erneuern. Auch das wird nicht der Fall sein. Russland wird bereit sein, Polen oder das Baltikum zu überfallen, sobald seine Streitkräfte in der Ukraine frei werden. Und die NATO hat dem bislang nichts entgegenzusetzen.

Das wirft Fragen auf:

Wie kann die russische Führung ohne Rücksicht auf Verluste ihre Soldaten verheizen?

Wo findet die russische Armee immer neue Vertragssoldaten, obwohl sie bekanntermaßen oft in selbstmörderische Angriffe geschickt werden?

Warum machen Russlands Soldaten keinen Aufstand oder ergeben sich in [ukrainische] Kriegsgefangenschaft?

Wieso steht die russische Gesellschaft den enormen militärischen Verlusten scheinbar so gleichgültig gegenüber und unterstützt weiterhin den Krieg?

Akzeptanz des sinnlosen Todes


Wir haben es hier mit einem einzigartigen historischen Phänomen zu tun: Die russische Gesellschaft unterstützt den Krieg gegen das Nachbarland auf Kosten rücksichtsloser Vernichtung ihrer eigenen Soldaten. Selbst Kranke und Verwundete werden in selbstmörderische Angriffe geschickt. Das ist nur möglich, weil es eine gesellschaftliche Akzeptanz für sinnlosen Tod gibt. So etwas gibt es sonst nirgendwo. Es kommt vor, dass eine Gesellschaft für einen Sieg zu riesigen Opfern bereit ist – doch das setzte die Vorstellung voraus, dass solch ein Tod nicht sinnlos ist.  

Natürlich kann man das nicht verallgemeinern und alle Russen über einen Kamm scheren. Es gibt in Russland auch Menschen, die gegen den Krieg und für die Ukraine sind. Sie sind jedoch verstreut und bilden keine entscheidende gesellschaftliche Gruppe. Stattdessen bringt ein gesellschaftliches Einverständnis zum sinnlosen Sterben ein Kräfteverhältnis in der Gesellschaft hervor, das eine breite Unterstützung des Kriegs als Selbstzweck möglich macht: Krieg um des Krieges willen.  

Für diese Akzeptanz gibt es meines Erachtens zwei Ursachen.
 

Der „Todesstaat“ – das soziale Antisystem in Russland


Die erste Ursache ist sozial-historischer Natur: Eine sehr treffende Erklärung finden wir bei dem russischen Historiker Dmitri „Sawromat“ Tschernyschewski, der mittlerweile im Exil lebt und in seinem YouTube-Kanal Total War & istorija seine Sicht auf Russland als Militärmacht beziehungsweise als „Imperium des Volksleidens“ darstellt. Um sich als Imperium zu bezeichnen, müsse ein Staat anderen gegenüber überlegen sein, meint Tschernyschewski. Schon das Moskauer Zarenreich sei vor allem in der rücksichtslosen Ausbeutung menschlicher Ressourcen überlegen gewesen. Die Haltung gegenüber der eigenen Bevölkerung als Verbrauchsmaterial zog sich durch die gesamte Geschichte Russlands. So konnten Kiegssiege durch Masse errungen werden, ohne dass man Rücksicht auf Verluste nehmen musste. Armut und Rechtlosigkeit sind notwendig, damit ein solches Staatssystem funktioniert.

Im heutigen Russland beobachten wir eine Wiedergeburt dieses brutalen Staatssystems, ja sogar die Mutation zu etwas Schlimmerem: einem „Todesstaat“ – oder „Antisystem“, wie Tschernyschewski den Begriff von Lew Gumiljow übernimmt. Dieses Antisystem fresse sich in Russland selbst hinein und führe letztlich zum Tod. Dies zeige sich unter anderem in der Ökonomie des Todes, wo Einnahmen aus Öl und Gas den pekunären Wohlstand für Familienangehörige der gefallenen Soldaten sichern. Dies schaffe eine starke soziale Basis zur Unterstützung des Regimes und seines Repressionsapparates – den so genannten Silowiki – und des Krieges. 

Diese Unterstützergruppe ist rund zehnmal größer als die derjenigen, die aktiv gegen die Ukraine kämpfen. Auch die arme Bevölkerung in strukturschwachen Gebieten gehört dazu. Dort fließt durch den Krieg zum ersten Mal Geld. Für sie würde ein Kriegsende ein Ende des Geldflusses bedeuten und außerdem die Rückkehr vieler potenzieller Straftäter von der Front. Gerade diese Schicht garantiert den stetigen Zustrom von freiwilligen Kämpfern, die nicht nur wegen des Geldes einen Vertrag mit der Armee unterschreiben, sondern auch, weil sie darin die einzige Chance sehen, dem sozialen Abgrund zu entkommen. Und so sind keine Proteste in Russland möglich.

Laut dem bloggenden Historiker Tschernyschewski galten Soldaten in der Geschichte der russischen Armee stets als ersetzbares Verbrauchsmaterial. Im Antisystem des heutigen Russland kommt jedoch noch etwas hinzu: Die Entsendung von Soldaten in den Tod ist profitabel geworden. Denn Vertragssoldaten kommen mit Geld zum Militär. Man kann sie bestechen und gegen eine gewisse Summe im ungefährlicheren Hinterland einsetzen oder sie stattdessen in den Tod schicken, doch diesen Tod erst später melden und so womöglich selbst Geld kassieren.  

Je häufiger die Truppen erneuert werden, desto mehr Möglichkeiten gibt es, an ihnen zu verdienen. So entsteht ein System, in dem die Armee zunächst ihre eigenen Soldaten und erst danach die Soldaten des Feindes eliminiert. Außerdem gibt es in der russischen Bevölkerung kaum Mitleid mit den Freiwilligen, das macht die Gesellschaft unempfindlich gegenüber militärischen Verlusten. Und für den Staat bedeutet der Tod von Soldaten an der Front niedrigere soziale Kosten. Denn Tote brauchen keine medizinische Versorgung und keine soziale Unterstützung.


Im Antisystem tauschen Gut und Böse die Plätze


Die zweite Ursache, warum der Krieg als Selbstzweck funktioniert, ist eine besondere Haltung zum Leben und dem Tod. Diese ist existenziell und gründet auf einem Weltbild, in dem alles, was geschieht, durch die Anwesenheit eines Feindes erklärt wird, der das Ur-Böse verkörpere. Für den Kampf gegen diesen Feind werden alle moralischen Beschränkungen aufgehoben. Jede gute Tat zu seinen Gunsten wird als schlecht betrachtet, und jede schlechte Handlung gegen den Feind als gut. So verkehren sich Wertevorstellungen in ihr Gegenteil – Amoralität wird zur Tugend, Gräuel werden zu Heldentaten. 

Das daraus resultierende Weltbild hatte sich schon früher in zwei Varianten manifestiert, die in zwei unterschiedlichen emotionalen Zuständen ihren Ausdruck fanden: im Manichäismus und im Gnostizismus. Der Manichäismus ging von der Vorstellung aus, dass unsere helle Welt sich mit der Welt des Ur-Bösen vermischt hat und wir daher zum Kampf verdammt sind. Der Gnostizismus dagegen basierte auf der Vorstellung, dass unsere Welt durch einen Fehler oder den Willen eines bösen Gottes (der Demiurg) geschaffen wurde. Letztlich ist dann alles bedeutungslos, es gibt keinen Unterschied zwischen guten und bösen Taten und so ist es letztlich sinnlos, gegen das Böse zu kämpfen. 

Auf Grundlage dieser beiden Weltanschauungen entstanden verschiedene Lehrmeinungen und religiöse Überzeugungen, die jedoch vor allem zu destruktiven Stimmungen führten innerhalb bereits bestehender Religionen – des Christentums und des Islam.

Im historischen Russland führte die rücksichtslose Haltung der Machthaber gegenüber der eigenen Bevölkerung zum Entstehen einer manichäischen Stimmung in der Orthodoxie. Ein Symptom dieser Stimmung war die Kirchenspaltung im 17. Jahrhundert aufgrund ritueller Diskrepanzen, die aus Sicht der griechischen Orthodoxie keiner Erwähnung wert waren. Doch in Russland führte die Heftigkeit des Schismas sogar zu kollektiven Selbstverbrennungen. Natürlich ging es dabei nicht nur um rituelle Diskrepanzen, sondern um die Wahrnehmung der Welt ringsum als fremd und feindselig.

Als dann die Bolschewiki ihren Kampf gegen die Religion entfachten, integrierten sie in ihre Doktrin des Klassenkampfes eine manichäische Grundhaltung. Sie sahen ihre Mission darin, die Welt von Ausbeutung, also vom Bösen, zu befreien und eine gerechte Gesellschaft zu errichten – das Reich des Guten. Moralische Pflichten galten nur gegenüber den der Arbeiterklasse Nahestehenden. Anderen gegenüber, den Feinden, war alles erlaubt – womit selbst die Stalinschen Massenrepressionen gerechtfertigt wurden. 

Allerdings hat die kommunistische Ideologie zwei Seiten. Zum einen den rücksichtslosen Klassenkampf gegen Feinde und zum anderen die Utopie einer gerechten Gesellschaft, einer strahlenden Zukunft, der Eroberung des Weltraums, des Fortschritts. Doch mit der Ära des Ölwohlstands verlor der Klassenkampf an Bedeutung. Die Gesellschaft hatte sich in einen utopischen Traum eingelullt, als lebe sie im freiesten und menschenfreundlichsten Land der Welt – bis sie durch den Preissturz auf dem Ölmarkt unsanft aufgeweckt wurde.

Auch in Russland denken und fühlen die Menschen natürlich unterschiedlich. An dieser Stelle geht es jedoch um die aktuell vorherrschende Stimmung. Diese bestimmt die Ereignisse des gesellschaftlichen Lebens und sie entspricht einem gnostischen, nicht einem manichäischen Weltbild: Da alles bedeutungslos scheint, spielt es keine Rolle, ob wir Gutes oder Böses tun. Was bleibt, ist, diese Sinnlosigkeit des Lebens anzuerkennen und zu tun, was man will, und letztlich auch sinnlos zu sterben. Anders als in der Sowjetunion, wo die soziale Nekrophilie auf dem manichäischen Weltbild beruhte, ist sie heute in Russland durch das Gnostische ersetzt.

Der gnostische Fatalismus russischer Frontsoldaten


Aber wenn alles bedeutungslos ist, warum treten dann Menschen in die Armee ein, um gegen die Ukraine zu kämpfen? Stellen wir uns einen gewöhnlichen Menschen aus einer deprimierenden Gegend vor. Keine oder nur mies bezahlte Arbeit, zu Hause ständig Streit und Sorgen, und für die Gesellschaft ein Niemand, eine Leerstelle. Ein Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit. Am schwierigsten ist es, wenn man alle Kräfte aufbringen muss, um zu überleben, wenn doch alles sinnlos erscheint. Dann ist es einfacher, sich mit Alkohol oder Drogen zu betäuben. Ein solcher Zustand erstickt den Selbsterhaltungstrieb, der Tod wird nicht mehr als Übel wahrgenommen, denn der Unterschied zwischen Gute und Böse existiert nicht mehr. Je einfacher die Welt ist, desto weniger muss man sich anstrengen. So machen Krieg und Tod die Welt einfacher. Das ist die nekrophile Stimmung, die auf einem gnostischen Weltbild basiert.

Und einem solchen Menschen wird vorgeschlagen, in den Krieg in der Ukraine zu ziehen. Er akzeptiert ohne Widerrede die russische Propaganda als Wahrheit, obwohl ihm in Wirklichkeit egal ist, wer schuld ist am Krieg. Ihm geht es um etwas anderes – um die eigene Bedeutung und Straflosigkeit. Ihm wird versprochen, dass ihn alle, wenn er überlebt, als Veteran ehren würden. Einfacher ausgedrückt: Er kann alles tun, was er will. Und alle würden es wertschätzen. Aber um das zu erreichen, muss man bereit sein, zu töten und zu sterben. In der gnostischen Stimmung mit unterdrücktem Selbsterhaltungstrieb, wo es keinen Unterschied zwischen Gut und Böse gibt, ist es nun leicht, einen solchen Vorschlag anzunehmen. In Russland gibt es Millionen solcher Menschen. Daher wird der Zustrom von Freiwilligen in die russische Armee nicht enden.

Auch in der Sowjetunion gab es soziale Nekrophilie, allerdings anderer Art. Damals gingen die Menschen in den Krieg, um für eine Idee [den Sieg über den Faschismus – dek] zu töten und zu sterben. Im heutigen Russland – für die Möglichkeit zu tun, was immer man will. Wenn alles bedeutungslos ist, gibt es schließlich keine moralischen Zwänge mehr, nicht nur gegenüber Fremden, sondern auch den eigenen Leuten.  

Diese gnostische Art der sozialen Nekrophilie ist verknüpft mit einem gnostischen Fatalismus. Ein ukrainischer Offizier, den ich kenne, nannte es „russischen Fatalismus“. Er war zutiefst erschüttert von einem Kriegsvideo, das zwei russische Soldaten zeigte, die sich hinsetzten, um eine Zigarette zu rauchen. In diesem Moment wurde einem von ihnen der Kopf von einem Splitter abgerissen. Der andere zuckte nicht einmal und rauchte ruhig seine Zigarette weiter.

Es gibt verschiedene Arten von Fatalismus. Einmal den stoischen Fatalismus, wenn ein Mensch sein Schicksal akzeptiert, aber weiterhin ehrlich gemäß seiner vernünftigen Natur handelt und sich seiner Zugehörigkeit zum Weltgeist oder einem Gott bewusst ist. Nun haben wir es aber mit jenem gnostischen Fatalismus zu tun, bei dem der Mensch keinen Sinn im Leben sieht und sich mit seinem eigenen und dem Tod anderer abfindet. Und so zieht er in ein fremdes Land, um zu töten. Genau dieser Fatalismus führt dazu, dass russische Soldaten in sinnlosen Angriffen in den Tod gehen, anstatt sich gegen ihre Kommandeure aufzulehnen, die von ihrem Tod profitieren.

Wie ist die russische Armee aufzuhalten?


Die Geschichte wiederholt sich. Wenn Russland in Kriegen gewann, dann durch zahlenmäßige Überlegenheit, und wenn es verlor, dann aufgrund technologischer Rückständigkeit. Weder die Ukraine noch Europa haben und wollen so einen Mobilisierungsmechanismus wie Russland, um Menschen aus ärmeren Gebieten zu rekrutieren. Deswegen wird Russlands Armee zahlenmäßig überlegen bleiben. Natürlich ist die NATO technologisch wie taktisch fortschrittlicher und könnte im Falle eines Krieges enormen Schaden auf der russischen Seite verursachen. Was aber passiert, wenn diese besseren Waffen der NATO aufgebraucht sind und die russische Armee weiter mit neuen Freiwilligen kämpfen kann?  

Es liegt auf der Hand, dass auf Grundlage der besonderen Art der russischen Kriegsführung neue militärische Strategien entwickelt werden müssen. Ich setze große Hoffnungen in die Entwicklung von Drohnen, Robotern und künstlicher Intelligenz – sodass die Soldaten an der Front zunehmend technisch ersetzt werden können. In diesem Fall könnte Russland seinen einzigen Vorteil gegenüber zivilisierten Ländern verlieren.

Und bis dahin muss der Ukraine dabei geholfen werden, diese gefährlichste Zeit zu überstehen und Europa vor einer russischen Invasion zu schützen.